Rede von Irina Scherbakowa anlässlich der Verleihung des
Carl-von-Ossietzky-Preises der Stadt Oldenburg für Zeitgeschichte und
Politik am 4. Mai 2014 im Oldenburger Schloss
Sehr geehrte Damen und Herren,
sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
sehr geehrte Jury-Mitglieder,
ich möchte mich ganz herzlich für diese Ehre bedanken – für die Verleihung des Carl-von-Ossietzky-Preises.
Der Name Carl von Ossietzky ist ein so starkes
Symbol für politische Entschlossenheit, Konsequenz und Mut, dass ich
beim Erhalt dieses Preises durchaus ein Unbehagen empfinde. Vor allem im
Angesicht des höchsten menschlichen Preises, den Carl von Ossietzky für
seine Tätigkeit und politische Überzeugung bezahlt hat. Wie soll man
sich im heutigen Russland auch dabei fühlen, wenn die Wellen des
Nationalismus und der Absagen an Demokratie und Freiheit so
hochschlagen, dass man sich die Frage stellen muss, ob all das, worauf
man gehofft und wofür man gearbeitet hat, womöglich fast hoffnungslos
oder sogar sinnlos erscheint?
Gegenwärtig wird sehr oft wiederholt, dass alle
historischen Vergleiche unpassend seien, unwissenschaftlich und zumeist
falsch lägen. Was dabei gern aus den Augen verloren wird, ist, dass
Vergleichen nicht Gleichstellung bedeuten muss. (Neuerdings verfasst
sogar die russische Duma Gesetze, wonach man sich bereits beim Erwähnen
bestimmter historischer Parallelen strafbar machen kann). Aber welche
Mechanismen hat ein Historiker sonst, besonders, wenn im öffentlichen
Diskurs Begriffe aus den Zeiten des Kalten Krieges wie „belagerte
Festung“, „der Eiserne Vorhang“ oder aus den Jahren des Großen Terrors
wie „Fünfte Kolonne“, „ausländische Agenten“, „Nationalverräter“
auftauchen? Begrifflichkeiten, anhand derer deutlich zu sehen ist, wie
bestimmte Klischees aus der Vergangenheit wieder brauchbar gemacht
werden – für propagandistische Zwecke und eine neue Staatsideologie.
Aber gerade deshalb kommt man nicht umhin,
darüber nachzudenken, welche Annäherungen und Beispiele uns diese
Vergangenheit anbietet.
Als ich, damals junge Germanistik-Studentin,
angefangen habe, mich für die Geschichte des 20. Jahrhunderts zu
interessieren, galt mein Interesse vor allem der Weimarer Republik.
Meine ersten literarischen Übersetzungen ins Russische waren die
Miniaturen von Kurt Tucholsky. Die meisten von ihnen waren erstmalig in
der Zeitschrift „ Die Weltbühne“ publiziert worden. Bei dieser Arbeit
öffnete sich für mich die bunte, widerspruchsvolle Atmosphäre der
Weimarer Republik – zwischen der Romantik der Moderne im Sinne von
„Berlin, die Sinfonie der Großstadt“ und dem stets wachsenden
politischen Radikalismus.
Zu dieser „Sinfonie“ gehörten auch die engagierte
Publizistik und die politische Satire, die solche Persönlichkeiten wie
Kurt Tucholsky und Carl von Ossietzky verkörperten. Vor allem – sogar in
meiner damaligen Unwissenheit vieler historischer Details –
beeindruckte mich die Schnelligkeit, mit der diese Buntheit verschwand
und der Betonkloß der „Volksgemeinschaft“ entstanden ist – und welche
Folgen das mit sich brachte für die Menschen, für die Hauptakteure
dieser Sinfonie, die oft gezwungen waren, zwischen Stalin und Hitler zu
wählen, wobei auf beiden Seiten Gefängnis, Lager und Tod auf sie
lauerten.
Die Schicksale von Carl von Ossietzky, von Erich
Mühsam im Hitlerdeutschland waren tragisch, aber auch die Ehefrau
Mühsams, Zenzl Mühsam, die die Rettung im „Vaterland aller Werktätigen“
suchte, wurde verhaftet, konterrevolutionärer trotzkistischer Tätigkeit
beschuldigt und für mehrere Jahre in den GULAG gesteckt. Sie überlebte.
Aber ihre Freundin, Carola Neher, Theaterstar der
Berliner Bühnen in den 1920er Jahren, starb im NKWD-Gefängnis, im
Gefängnis des Volkskommissariats für innere Angelegenheiten, nach fünf
Jahren Haft. Viele der deutschen Emigranten, die bei Stalin Zuflucht
gesucht haben, fanden in der Sowjetunion ihren Tod. Und wenn, wie im
Falle von Erich Mühsam und Carl von Ossietzky, die Weltöffentlichkeit
protestierte und Solidarität zeigte – wie durch die Verleihung des
Nobelpreises an Carl von Ossietzky –, so waren die Schicksale derer, die
in der Sowjetunion der Repression unterworfen waren, über Jahrzehnte
von Schweigen umhüllt.
Ganz besonders makaber erscheint dabei das
Schicksal jener deutschen Emigranten, die nach dem Hitler-Stalin-Pakt
vom NKWD aus dem stalinschen GULAG nach Deutschland ausgeliefert und
dort in die KZs gesteckt wurden.
Wie es der Zufall wollte, waren die
ersten Akten, zu denen ich im Jahre 1991 in den geheimen KGB-Archiven
Zugang bekam, gerade eben diese Akten – die Akten der ausgelieferten
deutschen politischen Emigranten. Das, was ich in diesen Akten las, war
erschütternd, und nicht nur deshalb, weil sie eine Vorstellung vom
Funktionieren der NKWD-Maschinerie vermittelten, sondern weil sie auch
die Atmosphäre des gegenseitigen Misstrauens, des Argwohns und
schließlich auch des direkten Denunziantentums wiedergaben.
Aber schon lange bevor ich diese Akten lesen
konnte, habe ich ab Anfang der 80er Jahre Erfahrungen und Kenntnisse
über die Schicksale von stalinschen Opfern gesammelt. Denn die Zeit des
stalinschen Terrors wurde für mich und für einige meiner Zeitgenossen zu
jener schwarzen Zone, die man stets zu erforschen versucht.
Für mich persönlich war diese intensive
Auseinandersetzung auch eine Folge daraus, dass ich in einem Milieu
aufwachsen bin, in dem Politik, Geschichte und Erinnerung im Zentrum des
Lebens standen. Von meiner Kindheit an umringten mich Frauen der
älteren Generation, Freundinnen meiner Großmutter aus den 1920-30er
Jahren, die GULAG-Überlebende waren.
Ich hatte das große Glück, mit diesen Frauen
reden zu können, denn sie erzählten mir viele Episoden aus ihren langen
Lager- und Gefängnisaufenthalten. Und ich hatte sehr viele Fragen an sie
– denn ich wollte begreifen, was mit diesen Frauen geschehen war und
wie es überhaupt möglich gewesen ist, so etwas zu überleben. Und damit
begann meine Beschäftigung mit Biographien von GULAG-Opfern und dem
historischen Gedächtnis in Russland im 20. Jahrhundert.
Ich hatte auch das große Glück, dass meine
Eltern zu der vielleicht interessantesten und widersprüchlichsten
Generation der russischen Geschichte des 20. Jahrhunderts gehörten –
jener Generation, deren Vertreter in Russland üblicherweise die
Generation „der Sechziger“ genannt wird. Stalins Tod und der Beginn des
Tauwetters ereigneten sich in ihrer Jugendzeit, bestimmten ihr weiteres
Leben und füllten es mit großen Hoffnungen. Sie waren es auch, die den
Kampf für die „Entstalinisierung“ der Gesell-schaft begonnen haben. In
der damaligen Sowjetunion war eine breite politische
Bewegung mit
Protesten und Kundgebungen allerdings unvorstellbar. Zum Ort des
politischen Kampfes wurde stattdessen die Kultur – vor allem die
Literatur –, und ihre wichtigste Waffe war – das Wort. Der ideologische
Kampf fand in künstlerischen Werken und auf den Seiten der
Literaturzeitschriften statt.
Das wichtigste Thema, das durch alle Zensurnetze
hindurchgeschlüpft war, war die Abrechnung mit der stalinschen
Vergangenheit. „Wir brauchen die Wahrheit über die Vergangenheit“ – das
war fast die wichtigste Parole der „Sechziger“. Jedes freie Wort war in
der zensierten sowjetischen Realität mit Gold aufzuwiegen. Sobald es
jemandem gelang, mit einer Publikation, einem Bild oder einem Film die
Zensur zu durchbrechen, wurde dieser Vorgang sofort Gegenstand einer
breiten gesellschaftlichen Diskussion.
Aber: Viel zu stark war der von Stalin geschaffene
bürokratische Apparat, viel zu inkonsequent war Chruschtschow und viel
zu schwach waren die demokratischen Kräfte. Das Jahr 1968, im Westen der
Höhepunkt einer breiten Studentenbewegung, wurde in Russland zum Jahr
des Abschieds von den letzten Hoffnungen auf einen Sozialismus mit
menschlichem Antlitz.
Und trotzdem hielten viele Intellektuelle an dem
Glauben ihrer Jugendjahre fest, dass die „historische Wahrheit“, wenn
sie sich nur an die Oberfläche durchkämpfe, das Land verändern werde.
Tausende „Sechziger“ im ganzen Land waren treue Leser der
Untergrundliteratur und Hörer westlicher Radiosender. Sie fürchteten den
KGB zweifellos, aber die schlimmste Angst, die ihre Eltern in den 30er
Jahren durchlebt hatten, lag bereits hinter ihnen. Ein IM zu sein war
zwar schändlich, aber das Denunziantentum in Russland sah ganz anders
aus als das in der DDR – ohne Glauben, ohne „Romantik“ und mit weniger
Angst. Auch die Sicherheitsorgane arbeiteten mit weniger Enthusiasmus.
Wir aber, die Generation der 70er Jahre, die den
„Sechzigern“ folgte, hatten viel weniger Illusionen; wir hatten nicht
ihre Lebensenergie und auch nicht ihren histo-rischen Optimismus. Aber
wir versuchten in gewisser Weise diese Entstalinisierungsarbeit
fortzusetzen – allerdings auf eine etwas andere Art, denn wir hatten ja
gar keine eigene Erinnerung an den Terror. Wir suchten nach historischen
Quellen. Diese Quellen fanden sich beim Sammeln und Aufzeichnen von
Erinnerungen und Zeugnissen. Wir werteten sie viel reflexiver aus, mit
weniger Schwarz-Weiß-Denken und zum Teil aus kritischer Distanz.
Aber bis zum Beginn der Gorbatschow-Ära sollten noch
einige Jahre vergehen. Heute wird manchmal behauptet, die wichtigste
Antriebskraft der Perestroika seien die engagierten „Leser“ gewesen und
bis zu einem gewissen Grad ist das auch richtig. Denn tatsächlich waren
es die Leser im weitesten Sinn, also die Vertreter der sowjetischen
technischen und künstlerischen Intelligenz, die den Reformkurs
unterstützten.
Diese Leser – Ingenieure und Bibliothekare,
Lehrer und Wissenschaftler, auf deren Plakaten die Losung stand Wir
fordern die Wahrheit über die Vergangenheit, Meinungsfreiheit und
Demokratie! – gingen Ende der 80er Jahre auf die Straße. Die politischen
Veränderungen in Russland begannen nicht mit der Gründung großer
Oppositionsparteien oder -bewegungen, denn dafür war die Gesellschaft
noch nicht reif, sondern mit der Veröffentlichung von zuvor der Zensur
unterworfenen, also verbotenen künstlerischen Texten und mit der
Rückkehr verbotener Themen, Bücher und Autoren in die Literatur und die
Publizistik. Das wichtigste Thema waren die politischen Repressionen,
die immer mit dem kommunistischen Regime einhergegangen sind.
Den Höhepunkt der Perestroika und, wie es damals
aussah, auch den Markstein in der veränderten Einstellung der
Gesellschaft gegenüber der kommunistischer Vergangen-heit, stellte das
Jahr 1989 dar. Und wenn ich heute zurückdenke, muss ich sagen, dass es
wohl das glücklichste Jahr meines Lebens war.
In diesem Jahr, 1989, haben die ersten freien
Wahlen in Russland seit 1917 stattgefunden. Neben dem Archipel Gulag von
Alexander Solschenizyn ist auch eine ganze Reihe anderer, bisher
verbotener Werke veröffentlicht worden. Und ebenfalls in diesem Jahr
wurde unter dem Vorsitz des aus der Verbannung zurückgekehrten Andrei
Sacharow die erste unabhängige zivilgesellschaftliche Organisation
„Memorial“ gegründet, die es sich zum Ziel gesetzt hat, Denkmäler für
die Opfer der politischen Repressionen zu errichten, die Geheimarchive
zu öffnen und alle ehemaligen politischen Gefangenen zu rehabilitieren.
An verschiedenen Orten der damaligen Sowjetunion
wurden Massengräber entdeckt, in denen die erschossenen Opfer des
Terrors der Stalinzeit vergraben worden waren. In Moskau fand man
mindestens drei solcher Orte mit 40 000 Opfern. Zum ersten Mal erhielten
die Verwandten der Ermordeten die Möglichkeit zu erfahren, wo ihre
Angehörigen begraben waren. Dank des neuen Archivgesetzes wurden
Tausende Dokumente freigegeben und veröffentlicht.
Es begann die wissenschaftliche Erforschung der
kommunistischen Vergangenheit. Die ersten Monographien erschienen und es
wurden Arbeiten aus-ländischer Wissenschaftler übersetzt, die sich mit
den „weißen Flecken“ in der sowjetischen und der russischen Geschichte
beschäftigten. Und endlich wurden auch die realen Zahlen der direkten
Opfer Stalinscher Repressionen bekannt – etwa 12 Millionen Menschen. Der
Mechanismus der Massenrepressionen und des Großen Terrors wurde
aufgedeckt.
Auch im kulturellen Gedächtnis erfolgten
Veränderungen: Vor allem in der ersten Hälfte der 1990er Jahre wurden
die Denkmäler einiger sowjetischer Akteure abgerissen, Straßen und
Städte wurden zum Teil umbenannt. Gleichzeitig wurden durch Aktivisten
der gesellschaftlichen Organisationen Denkmäler und Gedenktafeln vor
allem dort angebracht, wo die Opfer des kommunistischen Terrors begraben
lagen. Auf diese Weise entstand das bis heute einzige derartige Denkmal
im Zentrum Moskaus – ein Stein von den Solowetzker Inseln, der von
Mitgliedern der Gesellschaft Memorial von dort, wo das erste sowjetische
Lager entstanden war, nach Moskau gebracht und 1990 gegenüber dem
Hauptsitz des sowjetischen Geheimdienstes am Lubjankaplatz aufgestellt
wurde.
Damals schien es vielen von uns, als sei dies
lediglich der Beginn eines breiten Prozesses der Aufarbeitung der
Vergangenheit, und dass die schwer traumatisierende Erfahrung einiger
sowjetischer Generationen, verschärft durch die jahrzehntelangen Lügen,
die Geheimhaltung und das Schweigen, die Basis für eine tiefgreifende
gesellschaftliche Reflexion bieten würde. Aber es stellte sich alles als
sehr viel schwieriger und schmerzhafter heraus, als es uns damals am
Ende der 1980er Jahre erschien.
Mit dem Zerfall des Sowjetimperiums im Jahr 1991
erfolgten Veränderungen, die nicht in das noch sehr sowjetische
Bewusstsein der Menschen passen wollten: nicht nur die Abspaltung der
Balten und der kaukasischen und zentralasiatischen Republiken, sondern
auch der Ukraine und Weißrusslands –, ein zuvor völlig unvorstellbarer
Vorgang, der eine starke Identitätskrise hervorgerufen hat.
All das erfolgte vor dem Hintergrund der
beginnenden Wirtschaftsreformen, die den Zusammenbruch der sowjetischen
Wirtschaft beschleunigten, was sich wiederum sehr schmerzhaft auf das
Leben von Millionen von Menschen auswirkte. Der tägliche Kampf ums
Überleben verdrängte nicht nur das Interesse an der Vergangenheit, mehr
noch: Eben diese bis vor kurzem noch von allen verdammte Vergangenheit
erhielt plötzlich eine nostalgische und sogar hell leuchtende Farbe. Es
gab immer weniger echte Träger der Erinnerung an den Terror und das
grausame Stalinsche System und die nach Wahrheit lechzenden Leser der
Perestroika – die Lehrer, Wissenschaftler, Künstler, Schriftsteller und
so weiter – fanden sich in der allerschlimmsten wirtschaftlichen Lage
wieder.
Ende der 1990er Jahre war es bereits ganz
offensichtlich, dass das Thema der Repressionen an den Rand des
gesellschaftlichen Bewusstseins gerückt war. Es tat sich ein tiefer
Graben auf zwischen dem, was bis zu einem gewissen Grad von den
Historikern bereits getan worden war und dem Massenbewusstsein, in dem
gleichzeitig mit den wieder auflebenden alten sowjetischen Mythen auch
neue entstanden.
All das führte nach und nach dazu, dass die
Mehrzahl der Bevölkerung gegen Ende der 1990er Jahre die sowjetische
Vergangenheit bereits nicht mehr als tragisch und negativ ansah. Das
Bild dieser Vergangenheit wurde im allgemeinen Bewusstsein immer mehr
zum mythologischen sowjetischen „Kultur- und Erholungspark“ oder zum
vergnüglichen Kitsch. Die schwache Macht der Jelzin-Zeit schwankte
zwischen Kritik am kommu-nistischen Regime und einer Art populistischem
Spiel mit jenem Teil der Bevölkerung, der sich in den schwierigen 1990er
Jahren sehnsüchtig an die angeblich so „glücklichen“ 1970er Jahre
erinnerte.
Es wurden in den 1990er Jahren keine Leitlinien
einer Geschichtspolitik herausgebildet, die irgendwie eine Richtung
vorgegeben hätten. Es gab keine juristische oder rechtliche Beurteilung
des kommunistischen Regimes, der Rolle Lenins, Stalins und seiner
Mitstreiter; es gab keine Entscheidungen des Parlaments zu diesen
Fragen. Es gab keine Durchleuchtung und keine wirkliche Reform der
Staatssicherheitsorgane. Diese Unterschätzung der Bedeutung einer
konsequenten „Entsowjetisierung“ hatte, wie wir es heute deutlich sehen,
schwerwiegende Folgen.
Am Beginn der sogenannten „Nullerjahre“ wurde es
offensichtlich, dass die Idee von Ordnung, starker Macht und der
„harten Hand“ in der Gesellschaft immer mehr Gewicht bekam. Mit dem
kritischen Blick auf die sowjetische Vergangenheit und ihre
Auf-arbeitung verband man die unruhigen Zeiten der Perestroika und die
„chaotischen Neunziger“, an die sich viele nur ungern erinnerten. Die
entscheidende Kehrtwende in der Beurteilung der Vergangenheit und der
Aufbau einer nationalen Geschichtspolitik begannen allerdings erst nach
dem Jahr 2000 mit dem Machtwechsel im Kreml.
Wichtigster Schwerpunkt der nationalen Ideologie
wurde die Idee vom starken Staat mit einem starken nationalen Führer.
Und auf der Suche nach Material, das diesen Gedanken unterstreichen und
bestärken sollte, wandte man sich der russischen Geschichte zu.
Gleichzeitig mit dem Aufbau der Machtvertikale wurde auch eine
Geschichtsvertikale errichtet und die Kremlideologen wurden nicht müde,
sich auf „starke Machthaber“ zu berufen und zu erklären, nur diese
könnten Russland wieder stärken.
Die oft äußerst tragischen persönlichen
familiären Erinnerungen existierten dabei völlig abgetrennt von der
großen Geschichte und verbanden sich oft auf absurde Weise mit einem
durchaus positiven Bild von Stalin und der Sowjetmacht. Besonders
schwierig war die Frage nach Schuld und Verantwortung. Die Grenze
zwischen Opfern und Tätern zu ziehen, ist sehr kompliziert, denn viele
Täter wurden ja später selbst zu Opfern des Terrors.
Auf die Frage, wer an der russischen Tragödie des
20. Jahr-hunderts Schuld sei, gab es entweder gar keine Antwort oder man
antwortete mit Hilfe der alten Klischees aus den 1930-50er Jahren. Vor
diesem Hintergrund wuchsen die antiwestlichen Stimmungen, der Geist des
Kalten Krieges kehrte zurück und Russland sollte wieder als Festung,
umgeben von feindlichen Kräften, erscheinen.
Die offensichtliche Entscheidung, den
konservativen Weg des „Anziehens der Schrauben“ zu wählen (ein Begriff
aus der Stalinzeit, der plötzlich wieder auftauchte), die Verfolgung der
Teilnehmer an Protestkundgebungen, das Gesetz gegen so-genannte
„ausländische Agenten“, harte Einschränkungen der Meinungs- und
Presse-freiheit, letztendlich auch das Wiederbeleben vom imperialen
Syndrom in einer sehr gefährlichen und aggressiven Form, führten zu
einer tiefen Spaltung in der Gesellschaft: zwischen dem modernen,
gebildeten und demokratisch eingestellten Teil und den
traditionalistischen, konservativen und passiven Kräften, die heute von
starkem Nationalismus angesteckt sind. Der erste Teil scheint leider
viel kleiner und schwächer zu sein – und man wähnt sich wieder in der
ewigen Spirale der russischen Geschichte gefangen.
Umso mehr brauchen solche Kräfte heute
Unterstützung und Solidarität. Und diese Unterstützung und Solidarität
spüren wir am stärksten aus Deutschland, aus der deutschen
Zivilgesellschaft und Wissenschaft, aus Gedenkstätten und
menschenrechtlichen Organisationen, mit denen uns seit Beginn der 90er
Jahre ein intensiver gemeinsamer Aufarbeitungsprozess der
kommunistischen Vergangenheit verbindet.
Als solche Unterstützung und Solidarität empfinde ich auch diesen Preis. Und dafür nochmals mein tiefer Dank.