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Samstag, 25. Juli 2015

"Gesetz der Sadisten"

Protest gegen Gesetzentwurf


Die Regierung hat kürzlich ein Gesetz in die Duma eingebracht, das das Recht, Gefangenen gegenüber Gewalt anzuwenden, beträchtlich ausweitet. Gewalt einzusetzen soll bereits erlaubt werden, sobald ein Gefangener die Haftordnung verletzt (nach den geltenden Regeln ist das bereits der Fall, wenn ein Gefangener tagsüber auf dem Bett liegt oder einen Vollzugsbeamten nicht grüßt). Bei „Widerstand gegen gesetzliche Forderungen“ darf ebenfalls Gewalt angewendet werden. Im Gesetz wird ausführlich aufgelistet, wann welche Mittel erlaubt werden sollen.

Lev Ponomarjov (Vorsitzender der Menschenrechtsorganisation „Za prava tscheloveka" – „Für Menschenrechte“) berichtet, der Gesetzentwurf sei übereilt in die Duma eingebracht worden, ohne die sonst übliche vorherige Begutachtung durch die Institution des Menschenrechtsbeauftragten.

Vertreter der Menschenrechtsbewegung bezeichnen dies als ein „Gesetz der Sadisten“. Sie protestierten dagegen mit Einzelmahnwachen (die nicht angemeldet werden müssen) vor der Duma, darunter Ljudmila Alekseeva, Sergej Kovalev, Lev Ponomarjov und Valerij Borschtschov. Borschtschov betonte, ein solches Gesetz stehe im Widerspruch zum internationalen Recht, das Folter und das Schlagen von Gefangenen eindeutig verbietet. Kovalev sagte, das Gesetz solle im Falle seiner Annahme dazu dienen, Willkürakten eine gesetzliche Grundlage zu geben. Wenn der Entwurf durchkäme, könnte ein Gefangener dafür geschlagen werden, dass er die Mütze vor einem Aufseher nicht abgenommen oder die Baracke in Hausschuhen verlassen habe. Das Gesetz stehe in der Tradition des GULAG.

7. Juni 2015

Dienstag, 21. April 2015

Langjähriger GULAG-Häftling Wladimir Kantowskij verstorben

Am 12. April verstarb in Moskau Wladimir Kantowskij. Er gehörte MEMORIAL seit Gründung an und war bis zuletzt aktiv, in den letzten zehn Jahren gehörte er zum Vorstand des Moskauer MEMORIAL-Verbandes.

1941 wurde er wenige Tage nach Kriegsbeginn inhaftiert, weil er sich mit einigen Freunden öffentlich für seinen verhafteten Lehrer eingesetzt hatte. Aus der Lagerhaft kam er (nach mehrfachem Antrag, an die Front geschickt zu werden) in ein Strafbataillon. Nach dem Krieg wurde er für dasselbe „Verbrechen“ – Beteiligung an einer antisowjetischen Jugendbewegung – erneut verurteilt. 1956 wurde er rehabilitiert und konnte nach Moskau zurückkehren.

Seine Biographie ist in unserem Videoprojekt dokumentiert – einen Interviewauszug mit deutschen Untertiteln finden Sie hier und seinen Lebenslauf hier.

Denkmal für Opfer politischer Verfolgungen in Moskau geplant

Entscheidung über Entwurf soll am 30. Oktober fallen


In Moskau soll ein Denkmal für die Opfer politischer Verfolgungen errichtet werden.

Damit würde ein wesentliches Anliegen erfüllt, mit denen die Gesellschaft MEMORIAL bei ihrer Gründung angetreten war.

Das Mahnmal soll an der Kreuzung des Sacharov-Prospekts und des Gartenrings in Moskau stehen. Präsident Putin hat der Regierung der Stadt Moskau und der Präsidialverwaltung einen entsprechenden Auftrag erteilt.

Sergej Kapkov, Minister der Moskauer Regierung und (bis März d. J.) Leiter der Moskauer Kulturabteilung, betonte, dass es bisher kein nationales Denkmal gebe, das den Opfern politischer Verfolgungen gewidmet sei: „Die Notwendigkeit eines solchen Denkmals ist offensichtlich. Es geht um unser Gedenken an uns selbst. Ein Mahnmal für die Opfer politischer Verfolgungen in Moskau soll nicht nur die Erinnerung an die Tragödie bewahren und vermitteln, sondern es muss auch bewusst machen, dass Terror als Regierungsmethode inakzeptabel ist, dass dem menschlichen Leben der höchste Wert zukommt, dass jeder Einzelne für die Zukunft des Landes Verantwortung trägt.“

Am 12. Februar hat die Ausschreibung für das Denkmal begonnen, am 22. Mai sollen die eingereichten Arbeiten im GULAG-Museum in Moskau vorgestellt werden. Am 30. Oktober, dem Gedenktag für die politisch Verfolgten, soll bekannt gegeben werden, welcher Entwurf den Zuschlag bekommt.

Dienstag, 10. März 2015

"Feindliche Übernahme" des GULAG-Museums "Perm-36"

Alexander Kalich zur Situation der Gedenkstätte Perm-36


Die Entwicklung im Zusammenhang mit dem Museum „Perm-36“ ist leider zu ihrem logischen Ende gekommen. Alles Üble, das sich im Lande abspielt, spiegelt sich in dieser kleinen Geschichte wider – ein schwacher Gouverneur, der sich dreht und wendet und schließlich dem Druck der Kommunisten beugt, ehemalige Lageraufseher, die die Geschichte des GULAG schreiben (nein – das ist keine Metapher!).

Allen Bemühungen der autonomen Nichtregierungsorganisation (ANO) Perm-36 zum Trotz, den Gouverneur Viktor Basargin zu überzeugen, und ungeachtet all unserer Appelle (wir haben über 70.000 Unterschriften gesammelt) wurde beschlossen, den Kurs zu ändern. Aus „Perm-36“ soll ein Museum werden, das von der schweren und edelmütigen Arbeit der heldenhaften GULAG-Mitarbeiter berichtet und zeigt, welche Technologie sie nutzten, um unser großes Volk vor der fünften Kolonne und Nazis aus der Ukraine zu schützen.

Stellen Sie sich vor – im Ernst! Die erste Ausstellung im neuen „Perm-36“ ist genau diesem Thema gewidmet - den Mitteln und technischen Methoden der Wachmannschaft, niederträchtige Nationalisten, Faschisten und Vaterlandsverräter in Gefangenschaft zu halten.

Im Oktober hatte eine Besprechung im Beisein von Michail Fedotov (dem Vorsitzenden des Menschenrechtsrats) und Vladimir Lukin (ehemaliger Menschenrechtsbeauftragter) stattgefunden. Damals sah es so aus, als hätte man sich mit der Administration geeinigt. Es ging jetzt nur noch darum, einen Kooperationsvertrag zwischen den beteiligten zivilgesellschaftlichen und staatlichen Institutionen abzuschließen.

Damit hatte man Dampf abgelassen, und alle beruhigten sich. Und dann kam es zu mehreren geheimen Zusammenkünften, man übte Druck aus … Das ist eine sonderbare Geschichte. Bei den Diskussionen in der Präsidentenadministration hieß es ausdrücklich, das Museum müsse in der bisherigen Form erhalten bleiben, und das Tauziehen sollte beendet werden. Es gab viele Versprechungen. Aber dann schalteten sich irgendwelche „unsichtbaren Kräfte“ ein. Das ist schändlich und unsauber.

Man hat die ANO Perm-36 sdahin gebracht, dass sie keine andere Lösung mehr sah als die Selbstauflösung. Abgesehen von ständigen Versuchen, ihr den Status eines „ausländischen Agenten“ anzuhängen, und endlosen Schikanen und Geldstrafen, bestand der Hauptgrund darin, dass die neue Museumsleitung die Zielsetzung des Museums unbedingt ändern und das Museum umfunktionieren wollte.

Der ganze Skandal hatte damit begonnen, als die Idee aufgekommen war, Perm-36 ins Bundesprogramm zum Gedenken an die Opfer politischer Verfolgungen zu integrieren. Das stellte eine Finanzierung von etwa 500 Millionen Rubeln in Aussicht. Was folgte, glich einer feindlichen Übernahme: Ohne dass die ANO "Perm-36" davon Kenntnis gehabt hätte, wurde eine staatliche Organisation ins Leben gerufen und die bisherige Direktorin des Museums (Tatjana Kursina) abgesetzt, und erst dann wurde die ANO „Perm 36“ informiert. Dabei ist es diese Organisation gewesen, die das Museum ins Leben gerufen und eingerichtet hat; ich selbst habe die ersten Steine mit angebracht.

Jetzt stellt sich die Frage, ob das „neue“ Museum überhaupt noch eine Gedenkstätte sein wird oder nicht. Die UNESCO hatte Interesse angemeldet: Es sollte den Status eines Denkmals der Weltgeschichte bekommen. Wie soll sich MEMORIAL Perm dazu verhalten? Wir werden (…) uns dafür einsetzen, dass das Museum in seiner augenblicklichen Ausrichtung weder ins Programm zum Gedenken an die Opfer politischer Verfolgung integriert noch in das Verzeichnis der UNESCO aufgenommen wird.

Die Stadt Perm hatte seinerzeit den Ruf, die Hauptstadt der Zivilgesellschaft zu sein. Jetzt ist es ein Ort, der sich im Niedergang befindet. Wie übrigens ganz Russland. Die Geschichte mit „Perm-36“ fügt sich in den gesamten Hintergrund ein, es entspricht der gesamten derzeitigen Entwicklung in Russland: Krieg, die Ermordung von Nemzow …

Es bleibt kaum noch Luft zum Atmen.

Mittwoch, 22. Oktober 2014

Vittoria-Foa-Preis für MEMORIAL

MEMORIAL International ist mit dem Vittorio-Foa-Preis ausgezeichnet worden.

Vittorio Foa (1910-2008) gehörte zur europäischen linken Bewegung. Als Antifaschist wurde er 1935 zu 15 Jahren Haft verurteilt. Nach acht Jahren Haft 1943 entlassen, beteiligte er sich an der Widerstandsbewegung und schloss sich dem Komitee für nationale Befreiung (Comitato di Liberazione Nazionale) an.
Nach dem Krieg setzte er seine politischen Aktivitäten fort, in erster Linie als Gewerkschaftler, außerdem als Journalist und Historiker (hier mit Schwerpunkt auf der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung).

Der nach ihm benannte Preis wurde 2013 gestiftet. Er soll historische Forschung, insbesondere die der italienischen und internationalen politischen Geschichte des 20. Jahrhunderts, fördern. Die von Carlo Ginzburg geleitete Jury beschloss, MEMORIAL International mit dem Preis zu ehren, eine Gesellschaft, die, so die Jury, "sich dem Schutz der Menschenrechte in den ehemaligen Republiken der Sowjetunion widmet und die eine außergewöhnliche Sammlung historischer Dokumente besitzt, durch die sie die Leiden der - größtenteils aus politischen Motiven - Verfolgten öffentlich macht, in Büchern, Aufsätzen, Ausstellungen und im Internet. Das wichtigste Projekt von MEMORIAL ist natürlich die Tragödie des GULAG."

Arsenij Roginskij hat den Vittorio-Foa-Preis am 18. Oktober in Formia entgegengenommen.

Samstag, 4. Oktober 2014

Beratung über die Zukunft von "Perm-36"

Am 2. Oktober fand in Moskau eine Besprechung über die Zukunft des Museums Perm 36 statt. Teilnehmer waren u. a. zwei Vertreter der Präsidentenadministration, die russische Menschenrechtsbeauftragte Ella Pamfilova, ihr Vorgänger Vladimir Lukin und ihre Amtskollegin aus Perm Tatjana Margolina, der Gouverneur der Region Perm Viktor Basargin und Aleksej Frolov aus seiner Administration.

Tatjana Margolina, die Menschenrechtsbeauftrage für Perm, äußerte sich zufrieden über das Treffen. Man sei sich einig, dass das Museum Perm-36 erhalten werden müsse, und zwar „nicht nur formell, sondern auch inhaltlich“: „Es gilt, seinen Inhalt als Museum politischer Verfolgungen zu bewahren, diese Periode nicht schönzufärben und das Thema nicht zu politisieren.“ An der Leitung des Museums sollen neben dem Staat auch Vertreter gesellschaftlicher Initiativen beteiligt werden, insbesondere die seinerzeitigen Gründer des Museums, wie der Gouverneur von Perm Basargin betonte.

In einem in Kürze zu konstituierenden Beirat unter Leitung von Vladimir Lukin werden neben Tatjana Margolina und Aleksej Frolov noch drei Vertreter der staatlichen Seite und drei Vertreter von Perm 36 vertreten sein (vorgeschlagen wurden Viktor Šmyrov und Tatjana Kursina sowie Arsenij Roginskij, der Vorsitzende von MEMORIAL International).

Der Beirat soll entscheidendes Mitspracherecht bei der künftigen Gestaltung des Museums sowie in Personalfragen haben.

Um das Museum Perm-36 hat es in den letzten Jahren heftige Auseinandersetzungen gegeben. Es wurde von nationalistischen und neostalinistischen Kreisen attackiert sowie von Medien, die diesen nahestehen. Der berüchtigte Kanal NTV strahlte im Juni und September dieses Jahres Sendungen aus, die das Museum diffamierten und unterstellten, es würden dort Nazis, Kriegsverbrecher und Spione glorifiziert.
In der letzten Sendung wurde darüber hinaus die Menschenrechtsbeauftragte Tatjana Margolina angegriffen. Ella Pamfilova verwahrte sich bei dem Moskauer Treffen ausdrücklich gegen diese Attacke auf das Amt der Menschenrechtsbeauftragten.

Dienstag, 29. Juli 2014

Stiftung Aufarbeitung protestiert gegen Zerstörung der Gedenkstätte "Perm-36"

Mit einem Brief an den Präsidenten der Russischen Föderation sowie an dern Gouverneur der Region Perm hat sich die Bundesstiftung für Aufarbeitung der SED-Diktatur gegen die drohende Zerstörung der Gedenkstätte "Perm-36" gewandt. Sie unterstützt ausdrücklich die Petition von MEMORIAL Perm zugunsten der Gedenkstätte, die bereits über 62.000 Personen unterschrieben haben:

"Mit Sorge und Empörung verfolgen wir die Nachrichten zum Umgang mit der einzigen Gulag-Gedenkstätte in der Russischen Föderation, dem Museum zur Geschichte der politischen Repression in Perm 36 und deren Leitung und Mitarbeitern. Perm 36 ist in den vergangenen Jahren nicht nur für jene, die während der stalinistischen Repressionen verfolgt wurden und zu Tode kamen, sondern auch für deren Familien und Freunde, zu einem Gedenkort geworden, an dem an die Millionen unschuldiger Opfer erinnert wurde.

Dieser Gedenkort und das Museum waren in Russland aber auch weltweit ein Symbol dafür, dass in Russland ein differenziertes Gedenken an die dunkelste Zeit der sowjetischen Geschichte möglich ist. Dass dieser einzigartige Ort bestanden hat, war Tausenden von Aktivisten und Freiwilligen zu verdanken. Die Existenz dieses Ortes war international ein Symbol dafür, dass die Russische Föderation eine zivilgesellschaftlich getragene Erinnerung ohne staatliche Repression ermöglicht und die russische Führung die Aufarbeitung der totalitären Vergangenheit unterstützt und nicht be- und verhindert.

Sehr geehrter Herr Präsident, sehr geehrter Herr Gouverneur, sehr geehrte Frau Pamfilova, sehr geehrter Herr Fedotov,

wir schließen uns den Forderungen der Petition nachdrücklich an und fordern Sie auf, die Maßnahmen gegen die Gedenkstätte zur Geschichte politischer Repressionen "Perm-36" rückgängig zu machen und die unabhängige und kritische Auseinandersetzung mit der totalitären Vergangenheit wieder zu ermöglichen und die verdiente Direktorin des Museums, Tatjana Kursina,  wieder als Direktorin des Museums einzusetzen."

Das vollständige Schreiben (in russischer Sprache) finden Sie hier.

Freitag, 25. Juli 2014

Hoffnungen für "Perm-36" schwinden

Arbeiter vernichten Exponate auf dem Gelände der Gedenkstätte

Kürzlich hatte ein Treffen des Gouverneurs von Perm, Viktor Basargin, mit Vertretern von MEMORIAL und der regionalen Menschenrechtsbeauftragten Hoffnungen geweckt, dass der lang andauernde Konflikt um die Zukunft der Gedenkstätte "Perm-36" beigelegt werden könnte. Inzwischen scheint sich dies immer mehr als illusorisch zu erweisen.

Wenige Tage nach dieser Begegnung haben Arbeiter auf dem Gelände ein dort befindliches ehemaliges Lagertor zersägt. Nach ihrem Bekunden geschah dies auf Anweisung der neuen Direktorin Natalja Semakova, das Terrain zu bereinigen.


Tatjana Kursina, die langjährige und vor kurzem abgesetzte Direktorin von "Perm-36", wies in ihrem Protest nachdrücklich darauf hin, dass Mitarbeiter der Gedenkstätte jederzeit für Fragen zur Verfügung stünden und Auskunft geben könnten, welchen Gegenständen auf dem Gelände historische Bedeutung zukomme und welche entfernt werden könnten.


 

Viktor Schmyrov, der Leiter der Gedenkstätte, sowie die regionale Menschenrechtsbeauftragte, Tatjana Margolina, appellierten an den Gouverneur , das historische Erbe auf dem Territorium der Kolonie für politische Gefangene des Lagers "Perm-36" zu bewahren und dafür zu sorgen, dass beschädigte Objekte wieder hergestellt würden. Margolina rief dazu auf, die Verhandlungen zwischen Regionalregierung und der Gedenkstätte "Perm-36", die kurz vor dem Abschluss gestanden hatten, zu Ende zu führen und die geplante Vereinbarung zu unterzeichnen.

Die Reaktion ist bisher wenig ermutigend. Die Administration der Regionalregierung und des Kulturministeriums verwahrte sich gegen angeblichen Druck, Unterstellungen und Verleumdungen durch russische und internationale Medien. Insbesondere die Menschenrechtsbeauftragte wird beschuldigt, sie leiste, anstatt zu vermitteln, Lobbyarbeit für eine Nichtregierungsorganisation, nämlich "Perm-36", deren Vorstand sie viele Jahre angehört habe. Die Erklärung schließt mit der Aussage, man sei "zu einem offenen konstruktiven Dialog und zu Zusammenarbeit mit allen Seiten" bereit, jedoch nicht gewillt, "Erpressungen und Drohungen" hinzunehmen. Das Recht auf Gegenmaßnahmen behalte man sich vor.

Tatjana Margolina bedauerte diese Eskalation des Konflikts. Ihr scheinen gerade die Kombination und Kooperation zweier Museen - einer staatlichen Institution, wie sie seit Jahresbeginn besteht, und einer nichtstaatlichen, aus zivilgesellschaftlichem Engagement entstandenen Einrichtung ("Perm-36") - nach wie vor äußerst wichtig, um die historische Erinnerung an die Opfer politischer Repressionen im 20. Jahrhundert zu bewahren.

Samstag, 10. Mai 2014

Carl-von-Ossietzy-Preis 2014

Rede von Irina Scherbakowa anlässlich der Verleihung des Carl-von-Ossietzky-Preises der Stadt Oldenburg für Zeitgeschichte und Politik am 4. Mai 2014 im Oldenburger Schloss


Sehr geehrte Damen und Herren,
sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
sehr geehrte Jury-Mitglieder,

ich möchte mich ganz herzlich für diese Ehre bedanken – für die Verleihung des Carl-von-Ossietzky-Preises.

Der Name Carl von Ossietzky ist ein so starkes Symbol für politische Entschlossenheit, Konsequenz und Mut, dass ich beim Erhalt dieses Preises durchaus ein Unbehagen empfinde. Vor allem im Angesicht des höchsten menschlichen Preises, den Carl von Ossietzky für seine Tätigkeit und politische Überzeugung bezahlt hat. Wie soll man sich im heutigen Russland auch dabei fühlen, wenn die Wellen des Nationalismus und der Absagen an Demokratie und Freiheit so hochschlagen, dass man sich die Frage stellen muss, ob all das, worauf man gehofft und wofür man gearbeitet hat, womöglich fast hoffnungslos oder sogar sinnlos erscheint?

Gegenwärtig wird sehr oft wiederholt, dass alle historischen Vergleiche unpassend seien, unwissenschaftlich und zumeist falsch lägen. Was dabei gern aus den Augen verloren wird, ist, dass Vergleichen nicht Gleichstellung bedeuten muss. (Neuerdings verfasst sogar die russische Duma Gesetze, wonach man sich bereits beim Erwähnen bestimmter historischer Parallelen strafbar machen kann). Aber welche Mechanismen hat ein Historiker sonst, besonders, wenn im öffentlichen Diskurs Begriffe aus den Zeiten des Kalten Krieges wie „belagerte Festung“, „der Eiserne Vorhang“ oder aus den Jahren des Großen Terrors wie „Fünfte Kolonne“, „ausländische Agenten“, „Nationalverräter“ auftauchen? Begrifflichkeiten, anhand derer deutlich zu sehen ist, wie bestimmte Klischees aus der Vergangenheit wieder brauchbar gemacht werden – für propagandistische Zwecke und eine neue Staatsideologie.

Aber gerade deshalb kommt man nicht umhin, darüber nachzudenken, welche Annäherungen und Beispiele uns diese Vergangenheit anbietet.
Als ich, damals junge Germanistik-Studentin, angefangen habe, mich für die Geschichte des 20. Jahrhunderts zu interessieren, galt mein Interesse vor allem der Weimarer Republik. Meine ersten literarischen Übersetzungen ins Russische waren die Miniaturen von Kurt Tucholsky. Die meisten von ihnen waren erstmalig in der Zeitschrift „ Die Weltbühne“ publiziert worden. Bei dieser Arbeit öffnete sich für mich die bunte, widerspruchsvolle Atmosphäre der Weimarer Republik – zwischen der Romantik der Moderne im Sinne von „Berlin, die Sinfonie der Großstadt“ und dem stets wachsenden politischen Radikalismus.

Zu dieser „Sinfonie“ gehörten auch die engagierte Publizistik und die politische Satire, die solche Persönlichkeiten wie Kurt Tucholsky und Carl von Ossietzky verkörperten. Vor allem – sogar in meiner damaligen Unwissenheit vieler historischer Details – beeindruckte mich die Schnelligkeit, mit der diese Buntheit verschwand und der Betonkloß der „Volksgemeinschaft“ entstanden ist – und welche Folgen das mit sich brachte für die Menschen, für die Hauptakteure dieser Sinfonie, die oft gezwungen waren, zwischen Stalin und Hitler zu wählen, wobei auf beiden Seiten Gefängnis, Lager und Tod auf sie lauerten.

Die Schicksale von Carl von Ossietzky, von Erich Mühsam im Hitlerdeutschland waren tragisch, aber auch die Ehefrau Mühsams, Zenzl Mühsam, die die Rettung im „Vaterland aller Werktätigen“ suchte, wurde verhaftet, konterrevolutionärer trotzkistischer Tätigkeit beschuldigt und für mehrere Jahre in den GULAG gesteckt. Sie überlebte.

Aber ihre Freundin, Carola Neher, Theaterstar der Berliner Bühnen in den 1920er Jahren, starb im NKWD-Gefängnis, im Gefängnis des Volkskommissariats für innere Angelegenheiten, nach fünf Jahren Haft. Viele der deutschen Emigranten, die bei Stalin Zuflucht gesucht haben, fanden in der Sowjetunion ihren Tod. Und wenn, wie im Falle von Erich Mühsam und Carl von Ossietzky, die Weltöffentlichkeit protestierte und Solidarität zeigte – wie durch die Verleihung des Nobelpreises an Carl von Ossietzky –, so waren die Schicksale derer, die in der Sowjetunion der Repression unterworfen waren, über Jahrzehnte von Schweigen umhüllt.

Ganz besonders makaber erscheint dabei das Schicksal jener deutschen Emigranten, die nach dem Hitler-Stalin-Pakt vom NKWD aus dem stalinschen GULAG nach Deutschland ausgeliefert und dort in die KZs gesteckt wurden.
Wie es der Zufall wollte, waren die ersten Akten, zu denen ich im Jahre 1991 in den geheimen KGB-Archiven Zugang bekam, gerade eben diese Akten – die Akten der ausgelieferten deutschen politischen Emigranten. Das, was ich in diesen Akten las, war erschütternd, und nicht nur deshalb, weil sie eine Vorstellung vom Funktionieren der NKWD-Maschinerie vermittelten, sondern weil sie auch die Atmosphäre des gegenseitigen Misstrauens, des Argwohns und schließlich auch des direkten Denunziantentums wiedergaben.

Aber schon lange bevor ich diese Akten lesen konnte, habe ich ab Anfang der 80er Jahre Erfahrungen und Kenntnisse über die Schicksale von stalinschen Opfern gesammelt. Denn die Zeit des stalinschen Terrors wurde für mich und für einige meiner Zeitgenossen zu jener schwarzen Zone, die man stets zu erforschen versucht.

Für mich persönlich war diese intensive Auseinandersetzung auch eine Folge daraus, dass ich in einem Milieu aufwachsen bin, in dem Politik, Geschichte und Erinnerung im Zentrum des Lebens standen. Von meiner Kindheit an umringten mich Frauen der älteren Generation, Freundinnen meiner Großmutter aus den 1920-30er Jahren, die GULAG-Überlebende waren.

Ich hatte das große Glück, mit diesen Frauen reden zu können, denn sie erzählten mir viele Episoden aus ihren langen Lager- und Gefängnisaufenthalten. Und ich hatte sehr viele Fragen an sie – denn ich wollte begreifen, was mit diesen Frauen geschehen war und wie es überhaupt möglich gewesen ist, so etwas zu überleben. Und damit begann meine Beschäftigung mit Biographien von GULAG-Opfern und dem historischen Gedächtnis in Russland im 20. Jahrhundert.

Ich hatte auch das große Glück, dass meine Eltern zu der vielleicht interessantesten und widersprüchlichsten Generation der russischen Geschichte des 20. Jahrhunderts gehörten – jener Generation, deren Vertreter in Russland üblicherweise die Generation „der Sechziger“ genannt wird. Stalins Tod und der Beginn des Tauwetters ereigneten sich in ihrer Jugendzeit, bestimmten ihr weiteres Leben und füllten es mit großen Hoffnungen. Sie waren es auch, die den Kampf für die „Entstalinisierung“ der Gesell-schaft begonnen haben. In der damaligen Sowjetunion war eine breite politische
Bewegung mit Protesten und Kundgebungen allerdings unvorstellbar. Zum Ort des politischen Kampfes wurde stattdessen die Kultur – vor allem die Literatur –, und ihre wichtigste Waffe war – das Wort. Der ideologische Kampf fand in künstlerischen Werken und auf den Seiten der Literaturzeitschriften statt.

Das wichtigste Thema, das durch alle Zensurnetze hindurchgeschlüpft war, war die Abrechnung mit der stalinschen Vergangenheit. „Wir brauchen die Wahrheit über die Vergangenheit“ – das war fast die wichtigste Parole der „Sechziger“. Jedes freie Wort war in der zensierten sowjetischen Realität mit Gold aufzuwiegen. Sobald es jemandem gelang, mit einer Publikation, einem Bild oder einem Film die Zensur zu durchbrechen, wurde dieser Vorgang sofort Gegenstand einer breiten gesellschaftlichen Diskussion.

Aber: Viel zu stark war der von Stalin geschaffene bürokratische Apparat, viel zu inkonsequent war Chruschtschow und viel zu schwach waren die demokratischen Kräfte. Das Jahr 1968, im Westen der Höhepunkt einer breiten Studentenbewegung, wurde in Russland zum Jahr des Abschieds von den letzten Hoffnungen auf einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz.

Und trotzdem hielten viele Intellektuelle an dem Glauben ihrer Jugendjahre fest, dass die „historische Wahrheit“, wenn sie sich nur an die Oberfläche durchkämpfe, das Land verändern werde. Tausende „Sechziger“ im ganzen Land waren treue Leser der Untergrundliteratur und Hörer westlicher Radiosender. Sie fürchteten den KGB zweifellos, aber die schlimmste Angst, die ihre Eltern in den 30er Jahren durchlebt hatten, lag bereits hinter ihnen. Ein IM zu sein war zwar schändlich, aber das Denunziantentum in Russland sah ganz anders aus als das in der DDR – ohne Glauben, ohne „Romantik“ und mit weniger Angst. Auch die Sicherheitsorgane arbeiteten mit weniger Enthusiasmus.

Wir aber, die Generation der 70er Jahre, die den „Sechzigern“ folgte, hatten viel weniger Illusionen; wir hatten nicht ihre Lebensenergie und auch nicht ihren histo-rischen Optimismus. Aber wir versuchten in gewisser Weise diese Entstalinisierungsarbeit fortzusetzen – allerdings auf eine etwas andere Art, denn wir hatten ja gar keine eigene Erinnerung an den Terror. Wir suchten nach historischen Quellen. Diese Quellen fanden sich beim Sammeln und Aufzeichnen von Erinnerungen und Zeugnissen. Wir werteten sie viel reflexiver aus, mit weniger Schwarz-Weiß-Denken und zum Teil aus kritischer Distanz.

Aber bis zum Beginn der Gorbatschow-Ära sollten noch einige Jahre vergehen. Heute wird manchmal behauptet, die wichtigste Antriebskraft der Perestroika seien die engagierten „Leser“ gewesen und bis zu einem gewissen Grad ist das auch richtig. Denn tatsächlich waren es die Leser im weitesten Sinn, also die Vertreter der sowjetischen technischen und künstlerischen Intelligenz, die den Reformkurs unterstützten.

Diese Leser – Ingenieure und Bibliothekare, Lehrer und Wissenschaftler, auf deren Plakaten die Losung stand Wir fordern die Wahrheit über die Vergangenheit, Meinungsfreiheit und Demokratie! – gingen Ende der 80er Jahre auf die Straße. Die politischen Veränderungen in Russland begannen nicht mit der Gründung großer Oppositionsparteien oder -bewegungen, denn dafür war die Gesellschaft noch nicht reif, sondern mit der Veröffentlichung von zuvor der Zensur unterworfenen, also verbotenen künstlerischen Texten und mit der Rückkehr verbotener Themen, Bücher und Autoren in die Literatur und die Publizistik. Das wichtigste Thema waren die politischen Repressionen, die immer mit dem kommunistischen Regime einhergegangen sind.

Den Höhepunkt der Perestroika und, wie es damals aussah, auch den Markstein in der veränderten Einstellung der Gesellschaft gegenüber der kommunistischer Vergangen-heit, stellte das Jahr 1989 dar. Und wenn ich heute zurückdenke, muss ich sagen, dass es wohl das glücklichste Jahr meines Lebens war.

In diesem Jahr, 1989, haben die ersten freien Wahlen in Russland seit 1917 stattgefunden. Neben dem Archipel Gulag von Alexander Solschenizyn ist auch eine ganze Reihe anderer, bisher verbotener Werke veröffentlicht worden. Und ebenfalls in diesem Jahr wurde unter dem Vorsitz des aus der Verbannung zurückgekehrten Andrei Sacharow die erste unabhängige zivilgesellschaftliche Organisation „Memorial“ gegründet, die es sich zum Ziel gesetzt hat, Denkmäler für die Opfer der politischen Repressionen zu errichten, die Geheimarchive zu öffnen und alle ehemaligen politischen Gefangenen zu rehabilitieren.

An verschiedenen Orten der damaligen Sowjetunion wurden Massengräber entdeckt, in denen die erschossenen Opfer des Terrors der Stalinzeit vergraben worden waren. In Moskau fand man mindestens drei solcher Orte mit 40 000 Opfern. Zum ersten Mal erhielten die Verwandten der Ermordeten die Möglichkeit zu erfahren, wo ihre Angehörigen begraben waren. Dank des neuen Archivgesetzes wurden Tausende Dokumente freigegeben und veröffentlicht.

Es begann die wissenschaftliche Erforschung der kommunistischen Vergangenheit. Die ersten Monographien erschienen und es wurden Arbeiten aus-ländischer Wissenschaftler übersetzt, die sich mit den „weißen Flecken“ in der sowjetischen und der russischen Geschichte beschäftigten. Und endlich wurden auch die realen Zahlen der direkten Opfer Stalinscher Repressionen bekannt – etwa 12 Millionen Menschen. Der Mechanismus der Massenrepressionen und des Großen Terrors wurde aufgedeckt.

Auch im kulturellen Gedächtnis erfolgten Veränderungen: Vor allem in der ersten Hälfte der 1990er Jahre wurden die Denkmäler einiger sowjetischer Akteure abgerissen, Straßen und Städte wurden zum Teil umbenannt. Gleichzeitig wurden durch Aktivisten der gesellschaftlichen Organisationen Denkmäler und Gedenktafeln vor allem dort angebracht, wo die Opfer des kommunistischen Terrors begraben lagen. Auf diese Weise entstand das bis heute einzige derartige Denkmal im Zentrum Moskaus – ein Stein von den Solowetzker Inseln, der von Mitgliedern der Gesellschaft Memorial von dort, wo das erste sowjetische Lager entstanden war, nach Moskau gebracht und 1990 gegenüber dem Hauptsitz des sowjetischen Geheimdienstes am Lubjankaplatz aufgestellt wurde.

Damals schien es vielen von uns, als sei dies lediglich der Beginn eines breiten Prozesses der Aufarbeitung der Vergangenheit, und dass die schwer traumatisierende Erfahrung einiger sowjetischer Generationen, verschärft durch die jahrzehntelangen Lügen, die Geheimhaltung und das Schweigen, die Basis für eine tiefgreifende gesellschaftliche Reflexion bieten würde. Aber es stellte sich alles als sehr viel schwieriger und schmerzhafter heraus, als es uns damals am Ende der 1980er Jahre erschien.

Mit dem Zerfall des Sowjetimperiums im Jahr 1991 erfolgten Veränderungen, die nicht in das noch sehr sowjetische Bewusstsein der Menschen passen wollten: nicht nur die Abspaltung der Balten und der kaukasischen und zentralasiatischen Republiken, sondern auch der Ukraine und Weißrusslands –, ein zuvor völlig unvorstellbarer Vorgang, der eine starke Identitätskrise hervorgerufen hat.

All das erfolgte vor dem Hintergrund der beginnenden Wirtschaftsreformen, die den Zusammenbruch der sowjetischen Wirtschaft beschleunigten, was sich wiederum sehr schmerzhaft auf das Leben von Millionen von Menschen auswirkte. Der tägliche Kampf ums Überleben verdrängte nicht nur das Interesse an der Vergangenheit, mehr noch: Eben diese bis vor kurzem noch von allen verdammte Vergangenheit erhielt plötzlich eine nostalgische und sogar hell leuchtende Farbe. Es gab immer weniger echte Träger der Erinnerung an den Terror und das grausame Stalinsche System und die nach Wahrheit lechzenden Leser der Perestroika – die Lehrer, Wissenschaftler, Künstler, Schriftsteller und so weiter – fanden sich in der allerschlimmsten wirtschaftlichen Lage wieder.

Ende der 1990er Jahre war es bereits ganz offensichtlich, dass das Thema der Repressionen an den Rand des gesellschaftlichen Bewusstseins gerückt war. Es tat sich ein tiefer Graben auf zwischen dem, was bis zu einem gewissen Grad von den Historikern bereits getan worden war und dem Massenbewusstsein, in dem gleichzeitig mit den wieder auflebenden alten sowjetischen Mythen auch neue entstanden.

All das führte nach und nach dazu, dass die Mehrzahl der Bevölkerung gegen Ende der 1990er Jahre die sowjetische Vergangenheit bereits nicht mehr als tragisch und negativ ansah. Das Bild dieser Vergangenheit wurde im allgemeinen Bewusstsein immer mehr zum mythologischen sowjetischen „Kultur- und Erholungspark“ oder zum vergnüglichen Kitsch. Die schwache Macht der Jelzin-Zeit schwankte zwischen Kritik am kommu-nistischen Regime und einer Art populistischem Spiel mit jenem Teil der Bevölkerung, der sich in den schwierigen 1990er Jahren sehnsüchtig an die angeblich so „glücklichen“ 1970er Jahre erinnerte.

Es wurden in den 1990er Jahren keine Leitlinien einer Geschichtspolitik herausgebildet, die irgendwie eine Richtung vorgegeben hätten. Es gab keine juristische oder rechtliche Beurteilung des kommunistischen Regimes, der Rolle Lenins, Stalins und seiner Mitstreiter; es gab keine Entscheidungen des Parlaments zu diesen Fragen. Es gab keine Durchleuchtung und keine wirkliche Reform der Staatssicherheitsorgane. Diese Unterschätzung der Bedeutung einer konsequenten „Entsowjetisierung“ hatte, wie wir es heute deutlich sehen, schwerwiegende Folgen.

Am Beginn der sogenannten „Nullerjahre“ wurde es offensichtlich, dass die Idee von Ordnung, starker Macht und der „harten Hand“ in der Gesellschaft immer mehr Gewicht bekam. Mit dem kritischen Blick auf die sowjetische Vergangenheit und ihre Auf-arbeitung verband man die unruhigen Zeiten der Perestroika und die „chaotischen Neunziger“, an die sich viele nur ungern erinnerten. Die entscheidende Kehrtwende in der Beurteilung der Vergangenheit und der Aufbau einer nationalen Geschichtspolitik begannen allerdings erst nach dem Jahr 2000 mit dem Machtwechsel im Kreml.

Wichtigster Schwerpunkt der nationalen Ideologie wurde die Idee vom starken Staat mit einem starken nationalen Führer. Und auf der Suche nach Material, das diesen Gedanken unterstreichen und bestärken sollte, wandte man sich der russischen Geschichte zu. Gleichzeitig mit dem Aufbau der Machtvertikale wurde auch eine Geschichtsvertikale errichtet und die Kremlideologen wurden nicht müde, sich auf „starke Machthaber“ zu berufen und zu erklären, nur diese könnten Russland wieder stärken.

Die oft äußerst tragischen persönlichen familiären Erinnerungen existierten dabei völlig abgetrennt von der großen Geschichte und verbanden sich oft auf absurde Weise mit einem durchaus positiven Bild von Stalin und der Sowjetmacht. Besonders schwierig war die Frage nach Schuld und Verantwortung. Die Grenze zwischen Opfern und Tätern zu ziehen, ist sehr kompliziert, denn viele Täter wurden ja später selbst zu Opfern des Terrors.

Auf die Frage, wer an der russischen Tragödie des 20. Jahr-hunderts Schuld sei, gab es entweder gar keine Antwort oder man antwortete mit Hilfe der alten Klischees aus den 1930-50er Jahren. Vor diesem Hintergrund wuchsen die antiwestlichen Stimmungen, der Geist des Kalten Krieges kehrte zurück und Russland sollte wieder als Festung, umgeben von feindlichen Kräften, erscheinen.

Die offensichtliche Entscheidung, den konservativen Weg des „Anziehens der Schrauben“ zu wählen (ein Begriff aus der Stalinzeit, der plötzlich wieder auftauchte), die Verfolgung der Teilnehmer an Protestkundgebungen, das Gesetz gegen so-genannte „ausländische Agenten“, harte Einschränkungen der Meinungs- und Presse-freiheit, letztendlich auch das Wiederbeleben vom imperialen Syndrom in einer sehr gefährlichen und aggressiven Form, führten zu einer tiefen Spaltung in der Gesellschaft: zwischen dem modernen, gebildeten und demokratisch eingestellten Teil und den traditionalistischen, konservativen und passiven Kräften, die heute von starkem Nationalismus angesteckt sind. Der erste Teil scheint leider viel kleiner und schwächer zu sein – und man wähnt sich wieder in der ewigen Spirale der russischen Geschichte gefangen.

Umso mehr brauchen solche Kräfte heute Unterstützung und Solidarität. Und diese Unterstützung und Solidarität spüren wir am stärksten aus Deutschland, aus der deutschen Zivilgesellschaft und Wissenschaft, aus Gedenkstätten und menschenrechtlichen Organisationen, mit denen uns seit Beginn der 90er Jahre ein intensiver gemeinsamer Aufarbeitungsprozess der kommunistischen Vergangenheit verbindet.

Als solche Unterstützung und Solidarität empfinde ich auch diesen Preis. Und dafür nochmals mein tiefer Dank.

Mittwoch, 5. März 2014

Zum Tod von Boris Pustynzew

Am 4. März 2014 starb Boris Pustynzew in Sankt Petersburg. Wir haben einen Freund verloren. Boris war ein unabhängiger Denker, ein sensibler Philologe, ein engagierter Menschenrechtler.


1935 in Wladiwostok geboren, wuchs er dort bis zum sechzehnten Lebensjahr auf. „Alles begann mit dem Jazz“, bekannte er einmal. Als zehn-elfjähriger begann er, über einen Kurzwellenempfänger Jazz aus den USA zu hören. Die Musik, die er noch nie gehört hatte, begeisterte ihn. Dann wollte er verstehen, was vor und nach der Musik gesagt wurde, und begann selbständig Englisch zu lernen. Daher konnte er auch bald Nachrichten hören, die er ebenfalls aus sowjetischen Quellen nicht zu erfahren bekam.

Sein zweites Schlüsselerlebnis hatte Boris mit 14. Er sah, wie ein Mann auf der Straße hinfiel. Er half ihm und brachte ihn nach Hause – ein kahles Zimmer in einer Kommunalwohnung, in dem es nur eine Liege und zwei Stühle gab. Er begann, den Mann zu besuchen – er war ein politischer Häftling, der zum Sterben aus dem Lager entlassen worden war. Der Mann fasste Vertrauen und begann zu erzählen. Das, was er berichtete, stimmte mit den Nachrichten aus Amerika überein.

So kam es, dass sich Boris, als er mit 16 Jahren mit seinen Eltern nach Leningrad zog, bereits als Antikommunist fühlte. Er trat auch nicht dem Komsomol, der sowjetischen Jugendorganisation, bei.

1954 begann Boris Pustynzew am ersten Leningrader Pädagogischen Institut für Fremdsprachen zu studieren. Im Herbst 1956 fanden sich dort Gleichgesinnte zu einer Gruppe zusammen, die sich „Union der Kommunisten-Leninisten“ nannte und zum Ziel hatte, für einen wirklichen Sozialismus zu kämpfen. Sie verbreiteten Flugblätter gegen eine Fortsetzung des Stalinismus und gegen den Einmarsch sowjetischer Truppen in Ungarn. Für Boris war das eine Gewissensentscheidung. Er sagte später darüber: „Wir verstanden, dass wir nichts ändern werden. Aber wir spürten die Notwendigkeit, der Macht zu sagen: ‚Ihr seid Verbrecher, Ihr seid Schurken! Wir sind nicht auf Eurer Seite!‘“ Im Mai 1957 wurde die Gruppe verhaftet, im September fand der Prozess statt. Boris Pustynzew wurde zu zehn Jahren Lagerhaft verurteilt. 1962 kam er aufgrund einer Amnestie aus dem Lager in Mordwinien frei. 1993 wurde er mit dem Offizierskreuz für Verdienste um die Republik Ungarn, dem höchsten Orden, den Ausländer erhalten können, geehrt.

Boris Pustynzew absolvierte 1966 die Abendkurse des Pädagogischen Herzen-Instituts als Englisch-Lehrer. Er arbeitete in den Lenfilm-Studios als Regisseur für Synchronisation. Als 1984 der KGB-Mitarbeiter, der in den 50er Jahren die Untersuchungen gegen die Gruppe von Boris geführt hatte, die Leitung von Lenfilm übernahm, verlor Boris seine Arbeit. Er fand eine Stelle bei Tallinfilm, wo der Personalbeauftragte, der seine Papiere entgegennahm, mit Blick auf Boris‘ Haftzeit sagte: „Für uns ist das die beste Empfehlung.“ 1989 konnte Boris nach Leningrad zurückkehren. Nachdem er 1991 die KGB-Vergangenheit eines Sankt Petersburger Politikers öffentlich in Erinnerung gerufen hatte, wurde er überfallen und zusammengeschlagen. Dabei traten die Täter ihm direkt in die Augen, sagten nichts und nahmen ihm nichts weg. Boris musste sich mehreren Augenoperationen unterziehen, in seinem Beruf konnte er nicht mehr arbeiten.

In den 60er bis 80er Jahren beteiligte sich Boris Pustynzew aktiv an der unabhängigen Menschenrechtsbewegung – er war ein Dissident im klassischen Sinne. 1991 bis 1996 war er Ko-Vorsitzender von Memorial in Sankt Petersburg. 1992 gründete er die Menschenrechtsorganisation „Bürgerkontrolle“, deren Vorsitzender er bis zuletzt war.

Boris blieb bei seinem Widerstand gegen jede Spielart des „imperialen Komplexes“ und verurteilte nicht nur den Einmarsch in Ungarn, sondern auch alle weiteren Versuche der Sowjetunion und später der Russischen Föderation, Einflusssphären durch Einmischung oder gar Interventionen in souveräne Staaten beizubehalten oder hinzuzugewinnen. Er hatte ein feines Gespür für Propaganda, die lange vor solchen Konflikten einsetzte und damals wie heute von einer „adäquaten Reaktion“ sprach – für ihn ein eindeutiger Hinweis darauf, dass das Gegenteil von Angemessenheit bevorstand. Gleichzeitig war er immer gesprächs- und kooperationsbereit gegenüber Vertretern staatlicher Einrichtungen, wissend, dass Staat und Gesellschaft viele Probleme nur gemeinsam lösen können.

Wir haben einen Freund verloren, einen Menschen voller Lebensfreude und Humor. Aber als Lehrer, der uns eine aufrechte Haltung, Dialogfähigkeit und die Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung vorlebte, wird uns Boris weiter begleiten. Unser Mitgefühl gilt seiner Witwe und seiner Tochter.

Uta Gerlant
MEMORIAL Deutschlan

 Ausführliche Informationen und Materialien zu Boris Pustynzew in russischer Sprache finden Sie auf der Seite der Organisation "Bürgerkontrolle" hier.

Mittwoch, 15. Januar 2014

MEMORIAL Deutschland lädt ein: Benefizkonzerte zur Unterstützung der Menschenrechte in Russland

Vom 24. Januar bis zum 9. Februar spielen sie wieder in Berlin: die jungen Musiker des Kammermusikensembles MEMORIAL aus St.Petersburg. Seit 1990 hat das Ensemble in unterschiedlicher Besetzung zahlreiche Konzertreisen durch Deutschland absolviert. Mit ihrem ehrenamtlichen Engagement tragen die Musiker zum Lebensunterhalt von Überlebenden des stalinistischen Lagersystems GULag in St. Petersburg bei. Der russische Staat als Rechtsnachfolger der Sowjetunion fühlt sich für sie, deren Gesundheit durch jahrelange Zwangsarbeit unter verheerenden Bedingungen zerstört wurde, bis heute nicht verantwortlich.

Als zivilgesellschaftliche Organisation Ende der achtziger Jahre in Moskau gegründet, arbeitet MEMORIAL die Geschichte des politischen Terrors in der Sowjetunion auf, unterstützt die Überlebenden der stalinistischen Repressionen und tritt aktiv für die Menschen- und Bürgerrechte in Russland ein. Im vergangenen Jahr erlebte MEMORIAL neben vielen anderen NGOs eine massive Behinderung seiner Arbeit durch staatsanwaltliche Ermittlungen und mediale Anfeindungen im Rahmen des „Gesetzes über ausländische Agenten“. Die Finanzierung und Weiterführung von Projekten, die Putins Bürokraten als politische Einflussnahme werten, werden dadurch erschwert. Als Folge hat sich nun das Antidiskriminierungszentrum MEMORIAL, das sich v.a. gegen die Diskriminierung von Minderheiten durch den Staat und für mehr Toleranz in der Bevölkerung engagierte, als juristische Person zum Jahresende auflösen müssen.

Die Benefizkonzerte des Kammermusikensembles sind eine der wenigen verbliebenen Möglichkeiten, die Arbeit von MEMORIAL aus dem Ausland zu unterstützen. Der Erlös kommt vollständig der materiellen, juristischen und medizinischen Unterstützung der Überlebenden des GULag zugute. Diese soziale Arbeit für seine Bevölkerung lässt Russland (noch) zu.

Montag, 6. Januar 2014

Susanna Petschuro (1933-2014)


Am 1. Januar ist in Moskau Susanna Petschuro gestorben. Sie gehörte zu den Gründungsmitgliedern von MEMORIAL in der Sowjetunion und war lange Zeit Mitglied des Vorstands.

Die Beisetzung findet am 6. Januar in Moskau statt, im Anschluss daran eine Gedenkveranstaltung in den Räumen von MEMORIAL.

Ende der 1940er Jahre gehörte Susanna Petschuro einer antistalinistischen Widerstandsgruppe in Moskau an. 1951 wurde die Gruppe zerschlagen, Susanna Petschuro, damals 17 Jahre alt, wurde verhaftet und zu 25 Jahren Haft verurteilt, drei Mitglieder ihrer Gruppe wurden hingerichtet.

1956 wurde Susanna Petschuro auf Grund einer Amnestie entlassen, nachdem ihr Strafmaß vorher mehrfach herabgesetzt worden war. Nach der Haft studierte sie an der historischen Fakultät und arbeitete im Archiv des Afrika-Instituts. Ihre Kurzbiographie finden Sie hier.

Im Rahmen des Videoprojekts „Die letzten Zeugen“ von MEMORIAL wurde Susanna Petschuro ausführlich interviewt. Auszüge aus ihrem Interview finden sie in deutscher Sprache hier, im Original hier.

Mittwoch, 30. Oktober 2013

Gedenktafel zu Ehren Warlam Schalamows

Am 30. Oktober wird in Moskau eine Gedenktafel mit einem Flachrelief Warlam Schalamows eingeweiht. Das Relief stammt von dem Bildhauer Georgij Frangulyan. Die Mittel hat die Kulturabteilung der Stadt Moskau zur Verfügung gestellt.

Das Museum für die Geschichte des GULAG organisiert den Festakt, auf dem auch Vertreter von MEMORIAL sowie von Verlagen, Künstlerverbänden und der Medien anwesend sein werden.

Schalamow hat 16 Jahre in den Stalinschen Lagern verbracht. Zu seinen Lebzeiten konnten nur fünf seiner Gedichtbände in der Sowjetunion erscheinen, alle anderen Bücher sowie seine gesamte Prosa erschienen in seiner Heimat erst nach 1989.

In Berlin wird derzeit im Literaturhaus eine Schalamow-Ausstellung gezeigt (bis 8.12.2013, siehe unsere Meldung unter "Veranstaltungen").