Mittwoch, 19. März 2014

Oleg Orlov auf der Kundgebung in Moskau am 15. März 2014



Wir sagen heute - «Kein Krieg!»
Aber erinnern wir uns, dass unser Land schon zwanzig Jahre praktisch nicht aus dem Kriegszustand heraus kommt.
Erinnern wir uns, wie und warum der erste Tschetschenien-Krieg und darauf der zweite Tschetschenien-Krieg begannen.
Erinnern wir uns, dass diese Kriege mit Losungen begannen — Wiederherstellung der verfassungsmäßigen Ordnung, Entwaffnung der illegalen bewaffneten Einheiten, Verteidigung der russischen Bevölkerung.
Freunde, kommt euch das nicht bekannt vor? Klingen diese Losungen nicht ziemlich ähnlich wie die aktuellen, mit denen das militärische Eingreifen der russischen Truppen in das Bruderland, die Ukraine, gerechtfertigt wird?
Aber in der Tat wurden die Tschetschenien-Kriege für etwas ganz anderes ausgelöst — um der Gruppierung, die im Kreml sitzt, die Möglichkeit zu geben, ihre Macht über Russland zu erhalten. Der Krieg wurde als politische Technologie, als Mittel zur Mobilisierung der Bevölkerung zur Unterstützung der Regierung genutzt. Für eine undemokratische Staatsmacht gibt es kein besseres Mittel als den Krieg, um die Opposition zu unterdrücken, die Medien unter ihre Kontrolle zu stellen, einen bedeutenden Teil der Bevölkerung einer Gehirnwäsche zu unterziehen, pseudopatriotische Wellen zu schlagen. Unter Jelzin ist so etwas nicht vorgekommen, Putin jedoch hat Anfang der 2000er Jahre brillant diese Karte gespielt. Putin ist ein Kriegsmensch, und er stützt sich auf die Menschen, denen ausgerechnet der Krieg geholfen hat, sich an der Macht zu etablieren. Der Krieg im Nordkaukasus hat ihm die Möglichkeit gegeben, seine Macht zu festigen. Gerade den Verweis auf die fortgesetzten bewaffneten Konflikte dort hat er für den Abbau der Demokratie und die Stärkung der Polizei, für die Aufhebung der Wahl der Gouverneure, für die unendliche Ausweitung der Befugnisse des Geheimdienstes genutzt.
Aber was haben wir im Resultat dieser blutigen inneren Kriege bekommen?
Wir haben Menschen in Uniform bekommen, die viele Schlüsselpositionen im Staat besetzen. Menschen, die durch die Schule der vollkommenen Anonymität und Straffreiheit für Verbrechen, Entführungen, Folter, für die Organisation von Todesschwadronen und geheimen Gefängnissen, die Tötung von Zivilisten gegangen sind.
Darüber hinaus haben wir das totalitäre Regime von Ramsan Kadyrov in Tschetschenien bekommen. Ein Regime, unter dem die Menschen Angst haben, sich zu beschweren, dass ihr Sohn entführt, ihr Unternehmen weggenommen wurde, dass sie bei der Polizei gezwungen wurden, einen Angehörigen zu schlagen, der sich herausnahm, einen langen Bart zu tragen.
Aber vielleicht gelang es infolge dieser Kriege, Russen zu schützen? Vielleicht kehren jetzt Russen dorthin zurück? Wir alle kennen die Antworten auf diese Fragen — nein. Und sind wirklich keine Russen in den Kellern von Grosny von russischen Bomben und Geschossen umgekommen?
Vielleicht wurde die verfassungsgemäße Ordnung wieder hergestellt? Ja, die Verfassung wird jetzt in Tschetschenien strikt eingehalten. Aber es ist eigenartige Verfassung, die nur aus einem Artikel besteht - «So hat Ramsan gesagt!»
Meine Kollegen und ich sind sich sicher — der Krieg im Nordkaukasus wurde mit einem einzigen Ziel ausgelöst — diejenigen zu unterstützen, die im Kreml sitzen, um die Macht über Russland zu behalten.
Und die derzeitige Sonderoperation in der Ukraine wird genau mit dem gleichen Ziel durchgeführt. Hinter allen offizielle proklamierten Losungen steht ein zynisches Ziel — die Macht des derzeitigen Regimes über Russland für viele, viele Jahre zu verlängern.
Wenn der Kreml die Absicht hat, tatsächlich Russen im Nachbarland zu schützen, warum agiert er dann so demonstrativ grob, ungeschickt, provokativ?!
Eben deshalb, weil das Ziel ein anderes ist — eine Provokation des Konfliktes, unter dessen Bedingungen es leichter ist, die Reste an Demokratie in Russland zu zerstören. Im Ergebnis des aktuellen Konfliktes kann ein totalitäres Regime wieder errichtet werden, dann schon nicht mehr in einem einzelnen Teil unseres Landes, sondern auf dem ganzen Territorium.
Das dürfen wir nicht zulassen.
Kein Krieg!


Übersetzung: Sabine Erdmann-Kutnevič

Svetlana Gannuschkina auf der Kundgebung am 15. März 2014 in Moskau



Liebe Freunde, ich möchte eine Frage stellen:
- Wem gehört die Krim?
- Die Krim gehört uns!
Sie ist unser durch das Recht der Liebe, durch das Recht der Verantwortung für das, was dort geschieht.
Weil uns das nicht gehört, was wir mit beschlagenen Stiefeln betreten, sondern das, was wir lieben und für das wir Verantwortung empfinden.
In dem kleinen russischen Dorf Kurzy in der Nähe von Simferopol wurde mein Großvater geboren, seine Mutter war die Tochter des Pfarrers aus dem estnischen Nachbardorf, und sein Cousin war mit einer Ukrainerin verheiratet.
Und in diesem Dorf Kurzy, wohin mich mein Großvater mitnahm, als ich 14 Jahre alt war, hörte ich zum ersten Mal von der Tragödie der Krimtataren. Und vielleicht habe ich mich dabei zum ersten Mal als Bürgerin dieses Landes gefühlt, weil ich zum ersten Mal Schmerz und Scham für die eigene Heimat empfunden habe. Und dieses Gefühl der Verantwortung, auch Liebe zur Heimat, das verbindet uns heute hier. Unserer Staatsmacht heute, die vollkommen verantwortungslos und sehr leichtsinnig handelt, ist es völlig verloren gegangen.
Deshalb sollte sich heute jeder von uns als Bürger fühlen, Verantwortung übernehmen für unser Land und dafür, was in unserem Namen getan wird. Und wir alle, die wir uns hier versammelt haben, verstehen das.
Russland soll frei sein! Die Ukraine soll frei sein! Und auf unserem gesamten Planeten soll Frieden sein! Dafür tragen wir heute die Verantwortung.

Und noch etwas. Man versucht uns jetzt einzureden, dass Flüchtlingsströme aus der Ukraine kommen, die Migrationsbehörden in Moskau und anderen Regionen der Russischen Föderation bereiten sich auf die Aufnahme vor. Es heißt, es seien schon einige Hunderttausend Flüchtlinge aus der Ukraine in Russland. Meine Freunde, ich beschäftige mich schon zwei Jahrzehnte und länger mit der Thematik von Flucht und Migration. Und ich kann ganz sicher sagen, das ist nicht wahr. In keinem einzigen der Grenzbezirke, wo sich unsere Beratungsstellen befinden, hat irgendjemand an der Grenze eine Flüchtlingsansammlung aus der Ukraine entdeckt.
Als allerdings Flüchtlinge aus Syrien und Ägypten nach Russland strömten, als während der zwei Tschetschenien-Kriege unsere inneren Flüchtlingsströme von dort kamen, waren unsere Aufnahmeheime gefüllt mit Menschen, die Unterstützung brauchten, die einen Zufluchtsort suchten. Bei niemandem von uns sind jetzt ukrainische Verwandte untergekommen, die vor Verfolgung fliehen und um ihr Leben fürchten müssten. Niemand bringt sich in Sicherheit vor der ukrainischen Staatsmacht oder davor, was auf dem Maidan passiert ist. Wenn sich heute ukrainische Staatsbürger an die Migrationsbehörden wenden, dann sind das solche, die schon Jahre in Russland leben und jetzt ihren Status legalisieren wollen, so wie viele unserer Mitbürger aus früheren Sowjetrepubliken. Möglicherweise haben sie jetzt die Chance, ihren Status zu legalisieren, und ich freue mich sehr für sie.

Freiheit für Russland, Freiheit für die Ukraine! Freiheit für alle Menschen auf der Welt!



  Übersetzung: Sabine Erdmann-Kutnevič

Dienstag, 18. März 2014

Friedenskundgebungen in mehreren russischen Städten

Am Samstag hat es in Russland wieder mehrere eindrucksvolle Kundgebungen gegen die offizielle Politik gegenüber der Ukraine und einen möglichen Krieg gegeben. Die größten fanden in Moskau und Petersburg statt, kleinere, zum Teil Mahnwachen, auch in Syktyvkar, Nizhnij Novgorod und Kaliningrad.

In Moskau nahmen über 50.000 Personen an dem genehmigten „Friedensmarsch“ teil, darunter viele führende Mitglieder von MEMORIAL. Svetlana Gannuschkina und Oleg Orlov traten auf der Abschlusskundgebung auf.

In Petersburg nahmen an einer nicht genehmigten Kundgebung etwa 500 Personen teil. Anders als vor zwei Wochen, wo es zu vielen Festnahmen gekommen war, griffen die in großer Zahl präsenten Polizeikräfte diesmal nicht ein.

Auf allen Kundgebungen wurde die russische Regierung dazu aufgerufen, ihre Truppen aus der Krim abzuziehen, sich nicht in die inneren Angelegenheiten der Ukraine einzumischen und es nicht zu einem Blutvergießen kommen zu lassen.

In Syktyvkar wurden die drei Teilnehmer der Mahnwache vor dem Regierungsgebäude Michail Rogatschew (Memorial), Semjon Tereschonkov und der Journalist Sergej Sorokin festgenommen und erst nach mehreren Stunden wieder freigelassen.

Im Moskau fand ebenfalls eine Kundgebung zur Unterstützung des Regierungskurses gegenüber der Ukraine statt. Die Teilnehmer, Anhänger von „Sutj vremeni“ (Wesen der Zeit, eine prosowjetische Organisation unter Leitung von Sergej Kurginjan) präsentierten sich in einem paramilitärischen Aufmarsch in einheitlichen roten Jacken.

Auf dieser Kundgebung wurde der Majdan als Werk einer verbrecherischen nazistischen Clique diffamiert und vor möglichen Auswirkungen in Russland gewarnt, gegen die die russische Führung unbedingt einschreiten müsse. Auf dieser Kundgebung wurden neben russischen Fahnen auch die des syrischen Assad-Regimes mitgeführt.

17.3.2014

Sonntag, 16. März 2014

Tote in Donezk und Charkov, Verhaftungen und Entführungen auf der Krim

In den letzten Tagen ist es in Donezk und Charkov zu blutigen Zusammenstößen gekommen, bei denen mindestens drei Personen ums Leben kamen.

Nach einer friedlichen Kundgebung in Donezk am 13. März zur Unterstützung des Euromajdan war es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen mit Teilnehmern einer prorussischen Demonstration gekommen. Der 22 jährige Dmitro Tschernjavskij, Mitglied der Partei „Svoboda“, kam in Folge eines Messerstichs ums Leben.

Am Samstag (15. März) versuchten prorussische Demonstranten, das Gebäude des ukrainischen Geheimdienstes SBU zu stürmen. Sie forderten ultimativ die Freilassung von Pavel Gubarev und einigen seiner inhaftierten Anhänger. Gubarev war am 6. März inhaftiert worden, nachdem er mehrere Kundgebungen initiiert und sich selbst zum Gouverneur ausgerufen hatte.

Gubarev befindet sich zurzeit in Untersuchungshaft in Kiew. Seine politische Laufbahn hatte er in der russischen faschistischen Partei RNE (Russische Nationale Einheit) begonnen. Später schloss er sich der "Progressiven sozialisitshcne Partei" (PSPU) an.

In Charkov ist es am 14. März bei Zusammenstößen zu einem Schusswechsel gekommen, bei dem zwei Personen ums Leben kamen und mehrere verletzt wurden. Etwa 30 Personen wurden festgenommen. Die Vorfälle werden noch untersucht. In Charkov hatte es ebenfalls eine Majdan-Bewegung gegeben. Zu gewaltsamen Auseinandersetzungen war es jedoch bis Mitte Februar nicht gekommen.

Auf der Krim sind in den letzten Tagen mindestens sechs Personen, die zu der Majdan-Bewegung auf der Krim gehören, entführt oder festgenommen worden, so am 9. März Andrij Schtschekun und Anatolij Kovalsky und am 11. März Michail Vdovchenko. Vermisst werden seit dem 14. März auch Alexei Gryzenko, Natalia Lukianchenko und Serhiy Suprun. Der griechisch-katholische Priester Mykola Kvych, dessen Entführung am 15. März gemeldet wurde, wurde am selben Tag zunächst wieder freigelassen. Am 16. März drangen Polizeikräfte und Angehörige der so genannten Selbstverteidigungskräfte in seine Wohnung ein. Sein Verbleib ist seitdem unbekannt. Zwei weitere katholische Priester werden ebenfalls vermisst.

Mittwoch, 5. März 2014

Zum Tod von Boris Pustynzew

Am 4. März 2014 starb Boris Pustynzew in Sankt Petersburg. Wir haben einen Freund verloren. Boris war ein unabhängiger Denker, ein sensibler Philologe, ein engagierter Menschenrechtler.


1935 in Wladiwostok geboren, wuchs er dort bis zum sechzehnten Lebensjahr auf. „Alles begann mit dem Jazz“, bekannte er einmal. Als zehn-elfjähriger begann er, über einen Kurzwellenempfänger Jazz aus den USA zu hören. Die Musik, die er noch nie gehört hatte, begeisterte ihn. Dann wollte er verstehen, was vor und nach der Musik gesagt wurde, und begann selbständig Englisch zu lernen. Daher konnte er auch bald Nachrichten hören, die er ebenfalls aus sowjetischen Quellen nicht zu erfahren bekam.

Sein zweites Schlüsselerlebnis hatte Boris mit 14. Er sah, wie ein Mann auf der Straße hinfiel. Er half ihm und brachte ihn nach Hause – ein kahles Zimmer in einer Kommunalwohnung, in dem es nur eine Liege und zwei Stühle gab. Er begann, den Mann zu besuchen – er war ein politischer Häftling, der zum Sterben aus dem Lager entlassen worden war. Der Mann fasste Vertrauen und begann zu erzählen. Das, was er berichtete, stimmte mit den Nachrichten aus Amerika überein.

So kam es, dass sich Boris, als er mit 16 Jahren mit seinen Eltern nach Leningrad zog, bereits als Antikommunist fühlte. Er trat auch nicht dem Komsomol, der sowjetischen Jugendorganisation, bei.

1954 begann Boris Pustynzew am ersten Leningrader Pädagogischen Institut für Fremdsprachen zu studieren. Im Herbst 1956 fanden sich dort Gleichgesinnte zu einer Gruppe zusammen, die sich „Union der Kommunisten-Leninisten“ nannte und zum Ziel hatte, für einen wirklichen Sozialismus zu kämpfen. Sie verbreiteten Flugblätter gegen eine Fortsetzung des Stalinismus und gegen den Einmarsch sowjetischer Truppen in Ungarn. Für Boris war das eine Gewissensentscheidung. Er sagte später darüber: „Wir verstanden, dass wir nichts ändern werden. Aber wir spürten die Notwendigkeit, der Macht zu sagen: ‚Ihr seid Verbrecher, Ihr seid Schurken! Wir sind nicht auf Eurer Seite!‘“ Im Mai 1957 wurde die Gruppe verhaftet, im September fand der Prozess statt. Boris Pustynzew wurde zu zehn Jahren Lagerhaft verurteilt. 1962 kam er aufgrund einer Amnestie aus dem Lager in Mordwinien frei. 1993 wurde er mit dem Offizierskreuz für Verdienste um die Republik Ungarn, dem höchsten Orden, den Ausländer erhalten können, geehrt.

Boris Pustynzew absolvierte 1966 die Abendkurse des Pädagogischen Herzen-Instituts als Englisch-Lehrer. Er arbeitete in den Lenfilm-Studios als Regisseur für Synchronisation. Als 1984 der KGB-Mitarbeiter, der in den 50er Jahren die Untersuchungen gegen die Gruppe von Boris geführt hatte, die Leitung von Lenfilm übernahm, verlor Boris seine Arbeit. Er fand eine Stelle bei Tallinfilm, wo der Personalbeauftragte, der seine Papiere entgegennahm, mit Blick auf Boris‘ Haftzeit sagte: „Für uns ist das die beste Empfehlung.“ 1989 konnte Boris nach Leningrad zurückkehren. Nachdem er 1991 die KGB-Vergangenheit eines Sankt Petersburger Politikers öffentlich in Erinnerung gerufen hatte, wurde er überfallen und zusammengeschlagen. Dabei traten die Täter ihm direkt in die Augen, sagten nichts und nahmen ihm nichts weg. Boris musste sich mehreren Augenoperationen unterziehen, in seinem Beruf konnte er nicht mehr arbeiten.

In den 60er bis 80er Jahren beteiligte sich Boris Pustynzew aktiv an der unabhängigen Menschenrechtsbewegung – er war ein Dissident im klassischen Sinne. 1991 bis 1996 war er Ko-Vorsitzender von Memorial in Sankt Petersburg. 1992 gründete er die Menschenrechtsorganisation „Bürgerkontrolle“, deren Vorsitzender er bis zuletzt war.

Boris blieb bei seinem Widerstand gegen jede Spielart des „imperialen Komplexes“ und verurteilte nicht nur den Einmarsch in Ungarn, sondern auch alle weiteren Versuche der Sowjetunion und später der Russischen Föderation, Einflusssphären durch Einmischung oder gar Interventionen in souveräne Staaten beizubehalten oder hinzuzugewinnen. Er hatte ein feines Gespür für Propaganda, die lange vor solchen Konflikten einsetzte und damals wie heute von einer „adäquaten Reaktion“ sprach – für ihn ein eindeutiger Hinweis darauf, dass das Gegenteil von Angemessenheit bevorstand. Gleichzeitig war er immer gesprächs- und kooperationsbereit gegenüber Vertretern staatlicher Einrichtungen, wissend, dass Staat und Gesellschaft viele Probleme nur gemeinsam lösen können.

Wir haben einen Freund verloren, einen Menschen voller Lebensfreude und Humor. Aber als Lehrer, der uns eine aufrechte Haltung, Dialogfähigkeit und die Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung vorlebte, wird uns Boris weiter begleiten. Unser Mitgefühl gilt seiner Witwe und seiner Tochter.

Uta Gerlant
MEMORIAL Deutschlan

 Ausführliche Informationen und Materialien zu Boris Pustynzew in russischer Sprache finden Sie auf der Seite der Organisation "Bürgerkontrolle" hier.

Erneut Verdächtigungen gegen russische NGOs

Russische Finanzaufsichtsbehörde: Ukrainische "Radikale" und nicht näher bezeichnete russische NGOs haben die gleichen (ausländischen) Geldquellen

Der Leiter der russischen Finanzaufsichtsbehörde Rosfinmonitoring, Jurij Tschichantschin, hat heute vor dem russischen Föderationsrat zum Thema Geldwäsche,Terrorismusfinanzierung und ‚Ent-Offshorisierung‘ berichtet.

Bei dieser Gelegenheit wurde er auf die Ereignisse in der Ukraine angesprochen.
In seiner Antwort wies Tschichantschin darauf hin, dass "internationale Organisationen, die heute diese radikalen Kräfte in der Ukraine finanzieren, auch bestimmte gesellschaftliche Organisationen auf russischem Territorium finanzieren. Und über diese Frage müssen wir uns Gedanken machen. Warum? Weshalb? Zu welchem Zweck? Wir arbeiten jetzt intensiv mit den Sicherheitsorganen an dieser Frage, das ist ein ernstes Thema."

Tschichantschin ließ ausdrücklich offen, welche "gesellschaftlichen Organisationen" er dabei im Blick hatte.

Russische Schriftsteller in Charkov wenden sich in einem Brief an die Öffentlichkeit

"Am 1. März hat Russlands Föderationsrat dem Antrag des Präsidenten der Russischen Föderation zugestimmt, umfassende Maßnahmen zum Schutz der Russen in der Ukraine zu treffen, bis hin zum Einmarsch russischer Streitkräfte in ukrainisches Territorium.

Am selben Tag haben die städtischen Behörden in regionalen Zentren der östlichen Ukraine prorussische Kundgebungen lanciert. In Charkov stürmten die Demonstranten, darunter solche, die in Bussen mit russischen Kennzeichen hertransportiert wurden, das regionale Verwaltungsgebäude.

Sie verprügelten die sich im Gebäude aufhaltenden Anhänger des Euromajdan, unter ihnen auch den berühmten Schriftsteller Serhiy Zhadan. Er kam mit schweren Kopfverletzungen, einer Gehirnerschütterung und einer wahrscheinlich gebrochenen Nase ins Krankenhaus. Ein russischer Staatsbürger, wohnhaft in Moskau, kletterte auf das Gebäude der regionalen Verwaltung und brachte die russische Flagge an.

Offiziell beruft sich der Föderationsrat auf angeblich vorliegende zahlreiche Klagen darüber, dass die Rechte von Russen in der Ukraine verletzt würden. Wenn es tatsächlich solche Erklärungen gibt, dann müssen sie veröffentlicht und gründlich untersucht werden.

Wir, russische Schriftsteller aus Charkov, möchten, dass auch unsere Stimmen gehört werden: Wir sind frei, sowohl in unserer Arbeit als auch außerhalb, wir sprechen russisch, auch mit unseren ukrainischen Kollegen. In keinem Fall können die diskutierten sprachlichen oder nationalen Fragen Anlass für eine Militärintervention sein.

Wir, russische Schriftsteller aus Charkov, sind ukrainische Bürger, und wir brauchen keinen militärischen Schutz aus einem anderen Staat. Wir wollen nicht, dass unter dem rhetorischen Deckmantel des Schutzes unserer Interessen Truppen eines anderen Staates in unsere Stadt und unser Land einrücken und das Leben unserer Familien und unserer Freunde gefährden. Alles, was wir wollen, ist in Ruhe und Frieden leben.

  • Anastasia Afanasjewa, Preisträgerin des “Russisches Preises” und des  ”LiteratuRRöntgen”, Shortlist  ”Debut”-Preis
  • Dmitri Dedjulin, Dichter, Schriftsteller
  • Elena Donskaja, Schriftstellerin, Lehrerin
  • Inna Zacharowa, Lyrikerin, Menschenrechtlerin
  • Andrej Klimau, Schriftsteller
  • Swetlana Klimow, Autorin
  • Wladislaw Koltschigin, Dichter
  • Alexander Kotscharjan, Dichter
  • Andrej Krasnjastschich, Mitherausgeber der Literaturzeitschrift “©ojus Pisatelej” (Schriftstellerbund),
    Shortlister Andrej-Bely-Preis, “Nonkonformismus”-Preis, O. Henry- und Daniil Charms-Preis, Long-Lister “Russischer Preis” 
  • Alexandra Mkrtschjan, Longlist “Russischer Preis” 
  • Kirill Nowikow, Dichter
  • Sergej Pankratow, Schriftsteller
  • Oleg Petrow, Dichter, Schriftsteller
  • Andrej Pitschachtschi, Schriftsteller, Künstler
  • Irina Skatschko, Dichterin, Journalistin
  • Juri Solomko, Shortlister “LiteratuRRöntgen”, Longlister “Debüt-”
    und “Russischer Preis”
  • Tatjana Poloshij, Dichterin
  • Juri Zaplin, Mitherausgeber der Literaturzeitschrift “©ojus Pisatelej” (Schriftstellerbund),  Gewinner beim
    Festival der zeitgenössischen Kunst “Kulturelle Helden — 2002″
  • Swetlana Schewtschuk, Schriftstellerin
  • Wiktor Schepelew, Programmierer, Schriftsteller
  • Wladimir Jaskow, Dichter, Übersetzer"
3. März 2014


Samstag, 1. März 2014

Der Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine ist ein Verbrechen

Erklärung der internationalen Gesellschaft MEMORIAL


Die Entscheidung, russische Truppen in die Ukraine einmarschieren zu lassen, ist ein Verbrechen. Und dies nicht nur gegen die Ukraine, sondern auch gegen Russland, gegen die russische Kultur und die russische Geschichte, gegen ihre unlöslichen Bande mit der Geschichte und Kultur der Ukraine. Gegen die Zukunft unserer beiden Länder.

Als Anlass für den Einmarsch wird angeführt, dass die "Leben unserer Landsleute in Gefahr" seien. Wir wissen aus der Geschichte, dass dies die übliche Begründung für eine Aggression ist. Diese Begründung ist falsch. Es ist umgekehrt: Der Einmarsch von Truppen wird die Gefahr für unsere Landsleute erst entstehen lassen. Man wird in ihnen Vertreter der Aggressoren sehen.

Für ein Umdenken ist es noch nicht zu spät.

Der Vorstand von MEMORIAL International