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Samstag, 23. Januar 2016

"Rückgabe der Namen"

Gedenkkundgebungen in vielen russischen Städten

Auch in diesem Jahr fanden in ganz Russland zum 30. Oktober aus Anlass des Gedenktages für die Opfer des politischen Terrors in der Sowjetunion Kundgebungen statt, die unter dem Motto "Rückgabe der Namen" stehen.

In Moskau fand die Verlesung der Namen traditionell bereits am 29. Oktober statt. Weitere Veranstaltungen wurden in St. Petersburg, Twer, Perm, Rjasan, Workuta, Wologda, Jekaterinburg, Tomsk, Tula, Samara, Woronezh und einigen weiteren Städten durchgeführt.


Fotos: Michail Konschiz

In Wologda wurde der Opfer der so genannten "polnischen Operation" 1937-38 gedacht. 41 polnische Bürger von Wologda waren im Zuge dieser Aktion zum Tode verurteilt worden. Vertreter der Gesellschaft "Polonia" von Wologda kamen an dem Gedenkstein zusammen, der sich neben dem ehemaligen NKWD-Untersuchungsgefängnis befindet, in dem die Hinrichtungen vollzogen wurden.


Bericht und Foto: Olga Schlenskaja, Wologda

In Rjasan wurden die Namen (mit kurzen biografischen Angaben) von 520 Opfern verlesen, die hingerichtet, zu Haftstrafen verurteilt oder deportiert worden waren.

Foto: Vera Cholodnaja

In Rjasan wie in Perm gab es, anders als in den Vorjahren, für die MEMORIAL-Verbände Probleme bei der Anmeldung der Kundgebung (da andere Veranstaltungen gleichzeitig am selben Ort geplant seien). In Rjasan wurde sie daher auf den 1. November (statt wie üblich am 30. Oktober) verlegt, und in Perm konnte sie schließlich doch wie geplant stattfinden.

Weitere Fotos von den Aktionen in Jekaterinburg, Tomsk und Workuta:

Gedenkveranstaltung von MEMORIAL Jekaterinburg



Gedenkveranstaltung in Workuta

4. November 2015

Freitag, 12. Dezember 2014

Die "letzte Adresse"

Erste Gedenktafeln in Moskau

In den letzten Tagen wurden im Rahmen des Projekts „Die letzte Adresse“ die ersten Gedenktafeln an Wohnhäusern in Moskau angebracht. Die Tafeln sollen an diejenigen erinnern, die seinerzeit in den Häusern gelebt haben und politischer Verfolgung zum Opfer fielen.

Das Projekt wird ausschließlich aus Spenden finanziert. Eine Tafel kostet 4.500 Rubel. Bisher liegen bereits 300 Anträge vor. Am 7. Dezember wurden auf Initiative der Bewohner an sieben Moskauer Häusern Gedenktafeln angebracht.

Am 10. Dezember wurden im Beisein von etwa 50 Personen trotz Schneefalls an weiteren Häusern Tafeln installiert. Der Vorsitzende des Menschenrechtsrats Michail Fedotov betonte ausdrücklich, dass es sich hier um eine Bürgerinitiative handele, die sich mit dem staatlichen Anliegen decke, das Andenken an die Opfer zu bewahren.

Sergej Parchomenko, einer der maßgeblichen Initiatoren des Projekts, äußerte die Hoffnung, dass aus dem Projekt bald eine breite Bewegung "Die letzte Adresse" werden könnte.

Samstag, 17. Mai 2014

Zur Verletzung der Rechte der Krimtataren

Erklärung der Internationalen Gesellschaft MEMORIAL

Am 16. Mai hat die Führung der Krim per Erlass jegliche Massenkundgebungen auf der Krim bis zum 6. Juni verboten. Begründet wird dies damit, dass man „eventuelle Provokationen von Extremisten“ und ein mögliches Scheitern der „Touristen-Saison“ ausschließen will.

Es ist allerdings vollkommen klar, welches der wirkliche und einzige Grund ist. Es geht darum, die Kundgebung des Volks der Krimtataren, die für den 18. Mai geplant ist, zu verhindern.

Vom 18.-20. Mai 1944 wurden alle auf der Krim lebenden Krimataren, über 180.000 Personen, vorwiegend Frauen, Alte und Kinder (die meisten Männer waren zu dem Zeitpunkt an der Front) unter Maschinengewehrläufen in Transportzüge verfrachtet und nach Mittelasien deportiert. Viele kamen auf dem Weg und in den Sondersiedlungen ums Leben.

Die Deportation der Krimtataren ist eines der schwersten Verbrechen des Stalin-Regimes.

1989 endete der dreißigjährige Kampf der Aktivisten der Krimtataren um das Recht, auf die Krim zurückzukehren, mit einem Sieg. Das Volk kehrte in seine Heimat zurück. Seit Beginn der 1990er Jahre gedenken die Krimtataren alljährlich am 18. Mai dieses tragischsten Ereignisses in ihrer nationalen Geschichte.

Heute ist dieses zur Tradition gewordene Gedenktreffen erstmals verboten worden.

Das ist nicht die einzige Kränkung, die die neuen Machthaber dem Volk der Krimtataren zugefügt haben. Anfang Mai wurde Mustafa Dzhemilev die Einreise verweigert. Dzhemilev ist einer der angesehensten Führer der Krimtataren. Unter der Sowjetmacht wurde er etliche Male verhaftet und verbrachte etwa 15 Jahre in Lagern und in Verbannung, weil er sich für die Rückkehr der Krimtataren in ihre Heimat einsetzte. Und noch weitere Ungerechtigkeiten gegenüber den Krimtataren sind bekannt geworden.

So sieht die Realität der „Völkerfreundschaft“ und der „internationalen Eintracht“ aus, die die politischen Kräfte in Moskau und Simferopol der Krim noch vor etwa zwei Monaten versprochen haben.

Anscheinend haben die Krimtataren neue Verfolgungen zu gewärtigen. Die Machthaber tun alles, um Zusammenstöße zu provozieren und auf der Halbinsel internationale Feindschaft zu säen. Das kann sowohl für die Krimtataren als auch für die gesamte Region tragisch enden.

Wir fordern, die Rechte der Krimtataren zu respektieren, das Verbot der Trauerkundgebung der Krimtataren am 18. Mai in Simferopol aufzuheben und das gegen Mustafa Dzhemilev verhängte Einreisesverbot auf die Krim zurückzunehmen.

Der Vorstand der Internationalen Gesellschaft MEMORIAL

16. Mai 2014

Mittwoch, 12. Februar 2014

Die "letzte Adresse"

Ein neues Projekt zur Auseinandersetzung mit dem Stalinismus auf breiter Basis


Seit seiner Existenz gehört es zu den Hauptaufgaben von MEMORIAL, Informationen und Zeugnisse über Opfer des stalinistischen Terrors zu sammeln und vor dem Vergessen zu bewahren. Die von MEMORIAL erstellte Datenbank über Opfer des politischen Terrors, die natürlich keineswegs vollständig ist und laufend ergänzt wird, könnte die wesentliche Quelle für ein neues Projekt werden.

Initiator dieses Projekts ist der Journalist Sergej Parchomenko. Nach seinen Worten geht es vor allem darum, das Andenken an einfache Sowjetbürger, die in die Mühlen der Repressionen gerieten, zu bewahren. Gedenktafeln für berühmte Persönlichkeiten gebe es in jeder Stadt in großer Zahl. Es gebe aber für Angehörige bisher keine Möglichkeit, an das tragische Schicksal ihrer Angehörigen zu erinnern, wenn diese keine bekannten Personen waren. Für sie ist dieses Projekt in erster Linie gedacht.

Teilweise zumindest wird auf das Vorbild von Gunter Demnigs „Stolpersteinen“ zurückgegriffen, die an NS-Opfer erinnern und mittlerweile nicht nur in Deutschland, sondern noch in etlichen weiteren Ländern, die in Hitlers Machtbereich gefallen waren, zu finden sind. Allerdings sollen die Gedenkzeichen an den Häusern, in denen die Opfer zur Zeit ihrer Verhaftung wohnten, ihren „letzten Adressen“, angebracht werden (nicht in den Boden eingelassen wie bei Demnig). Wie die Tafeln im Einzelnen zu gestalten sind, ist noch offen.

Für die erforderlichen kurzen Angaben auf den Tafeln wird die Datenbank von MEMORIAL als wesentliche Informationsquelle dienen. Man will für das Projekt keine staatliche Förderung in Anspruch nehmen. Die rechtlichen Fragen sollen mit den jeweiligen regionalen und städtischen Behörden geklärt werden.

Die Initiative soll im Einzelfall von Privatpersonen ausgehen. Eine Gruppe bei Facebook gibt es bereits. Die Initiatoren hoffen, dass das Projekt im Laufe der Zeit auf breite Resonanz stoßen wird und den Anstoß zu einer großen zivilgesellschaftlichen Initiative geben könnte.

Dienstag, 29. Oktober 2013

Rückgabe der Namen

Es ist zu einer Tradition geworden, dass MEMORIAL in Moskau am 29. Oktober die Gedenkveranstaltung „Rückgabe der Namen“ durchführt. Sie findet am Solowezki-Stein auf dem Lubjanka-Platz statt und ist den Opfern des Großen Terrors gewidmet.

Der Solowezki-Stein stammt von den Solowezki-Inseln, wo sich die ersten Straflager des sowjetischen Regimes befanden. Er wurde 1990 nach Moskau gebracht und vor der Lubjanka, dem Sitz des Geheimdienstes KGB, zum Gedenken an die Opfer aufgestellt.

1937-1938 wurden allein in Moskau über 30.000 Personen erschossen. Im Verlaufe von zwölf Stunden (10 Uhr morgens bis 10 Uhr abends) werden am 29. Oktober die Namen von Tausenden Erschossener mit knappen Angaben zu Beruf und Datum der Hinrichtung verlesen. Die Teilnehmer lösen sich in rascher Folge ab, jeder verliest nur einige Namen.

Der 29. Oktober ist bewusst gewählt: Es ist der Tag vor dem Gedenktag für die Opfer politischer Verfolgung. Ursprünglich war dies der „Tag des politischen Gefangenen“ in der Sowjetunion. Dieser wurde 1974 von politischen Gefangenen in den Lagern in Mordwinien und Perm ins Leben gerufen und seitdem jährlich in den Haftanstalten mit unterschiedlichen Protestaktionen, vor allem mit einem eintägigen Hungerstreik, begangen.

Am 30. Oktober selbst finden in Butovo (einer Hinrichtungsstätte nahe bei Moskau) und in vielen anderen russischen Städten Gedenkveranstaltungen statt.

Aus dem Aufruf von MEMORIAL:

„Wenn wir in einer Gesellschaft leben wollen, in der dem Menschen ein höherer Stellenwert zukommt als dem Staat und in der der Staat dem Menschen dient, dann führt uns der Weg notwendig zum Solowezki-Stein.

Wenn wir unsere religiösen und nationalen Traditionen frei und ohne Angst pflegen wollen, dann werden wir zum Solowezki-Stein gehen.

Wenn wir sicher sein wollen, dass unser Eigentum geschützt wird und unsere Kinder in Sicherheit aufwachsen können, dann werden wir zum Solowezki-Stein kommen.

Wenn wir Informationen, die uns und uns nahestehende Personen interessieren und auf die wir ein Recht haben, ohne Gefahr und furchtlos verbreiten wollen, dann kommen wir zum Solowezki-Stein.

Wenn wir Zugang zu allen geistigen Errungenschaften, zu Literatur und Kunst haben, wenn wir lesen und schreiben und die Bücher veröffentlichen wollen, die wir für wichtig halten, und nicht die, die uns der Staat aufzwingt, dann kommen wir ebenfalls zum Solowezki-Stein.

Wenn wir das Totalitäre in uns überwinden und die innere Freiheit in uns entfalten wollen, dann werden wir unvermeidlich eines Tages zum Solowezki-Stein kommen, um die Namen der Erschossenen zu verlesen.“

Quellen: http://www.memo.ru/d/175762.html
http://www.october29.ru/